Lampreten – eine sehr alte Familie

02.05.2016 Kurt Bracharz

Die Neunaugen (Petromyzontidae) gehören zur Wirbeltiergruppe der Agnatha («Kieferlose»), sind also keine echten Fische. Diese haben nämlich einen mit dem Schädel verbundenen Ober- und einen frei beweglichen Unterkiefer, die Neunaugen oder Lampreten verfügen stattdessen über ein scheibenförmiges Saugmaul mit Hornzähnen. Mit diesem saugen sich mehrere Neunaugenarten im mittleren Zeitraum ihrer Lebensspanne an Fischen fest und ernähren sich parasitisch von deren Fleisch und Körpersäften.


Im vorangehenden Larvenstadium (Querder) filtern die Tiere Kleinlebewesen aus dem Wasser, nach dem Erreichen der Geschlechtsreife lösen sie sich von ihren Wirten und wandern ohne Nahrungsaufnahme in ihre in Flüssen gelegenen Laichgründe, wo sie nach dem Ablaichen sterben. Von den 34 existierenden Neunaugenarten kommen zehn in Europa vor. Zwei davon sind unmittelbar vom Aussterben bedroht (das Griechische Bachneunauge und das Oberitalienische Neunauge), und alle stehen auf der Liste der gefährdeten Arten, auch das 50 bis 60 cm lange und bis zwei Kilo schwere Meerneunauge Petromyzon marinus, das an den Küsten des Atlantiks und in den gut zugänglichen Flüssen Westeuropas verbreitet ist. In Portugal gilt das Meerneunauge als Delikatesse, in Finnland das Bachneunauge Lampreta planeri. In England schätzte man früher das Flussneunauge Lampreta fluviatilis sehr, aber heute werden keine nennenswerten Mengen mehr gefischt.

Neunaugen sehen Aalen recht ähnlich, haben aber keine paarigen Flossen, keine Schuppen (wobei jene der Aale mikroskopisch klein sind, weshalb sie lange Zeit nicht bemerkt wurden), keine Schwimmblase, keine Kiemendeckel (den mit den Augen in einer Reihe angeordneten Kiemenlöchern verdanken die Neunaugen ihren deutschen Namen) und keine Knochen oder Gräten, sondern ein Skelett aus einer flexiblen Knorpelmasse. Eine Besonderheit der Neunaugen, welche die letzten Vertreter einer vor 400 Millionen Jahren ausgestorbenen Tiergruppe sind, ist ihr Immunsystem: Nachdem man lang geglaubt hatte, sie besäßen gar keine Immunglobuline, zeigte eine Studie der Universität von Alabama, dass die sehr wohl vorhandenen Antikörper der Neunaugen eine gänzlich andere Molekularstruktur als die bislang bekannten haben und so lange nicht entdeckt worden waren, weil sie z. B. nicht die typische Y-Form aufweisen.

Kulinarisch sind diese fettreichen Fische auch deshalb interessant, weil sie fast ohne Parieren verwendet werden können – sie haben keine Gräten und ihr Darm ist zur Fangzeit schon völlig entleert. Nur der Schleim auf ihrer Haut muss entfernt werden – der englische König Heinrich I. soll an natürlichem Gift im Schleim einer allzu reichlichen Lampretenmahlzeit gestorben sein.

Nico Boer schreibt in «Fische der Algarve», Luz Tavira 2003, Seite 44: «Äußerst selten kommt Lampreia, das Meerneunauge (Petromyzon marinus) auf den Markt. In der Regel geht dieser Vertreter der kieferlosen Rundmäuler sofort an Restaurants und Leute mit guten Beziehungen. Die seltenen Exemplare von über einem Kilogramm Gewicht kosten etwa so viel wie ein Satz neuer Reifen. Inwendig betrachtet besteht der aalstarke Schmarotzer großteils aus dem Blut, das er seinen Opfern abzapft. Wo sonst das Fischblut sorgfältig entfernt wird, und beispielsweise beim Thunfisch die stark durchbluteten Teile als minderwertiges »Sangacho« gehandelt werden, gilt es bei der Lampreia als Delikatesse. Ein nach dem Ausnehmen blutloses Neunauge ist wertlos, denn das Blut sorgt für die schwarze Sauce im Reis, auf die es beim Nationalgericht »Arroz de Lampreia« ankommt; die paar Stückchen Fisch darin fallen letztlich kaum ins Gewicht.»
In Frankreich gibt es Neunauge als Matelote in Dosen zu kaufen.


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