1.Mai

01.05.2016 Haimo L. Handl

Mit dem Schrumpfen der Sozialdemokratie, ihrer Abhalfterung in vielen Ländern, ihrem breiten und tiefen Versagen, ihrem Verrat an sozialistischen und sozialdemokratischen Werten hat sich auch die Funktion des 1. Mai als Feiertag der Arbeit gewandelt. Geblieben sind gewisse Rituale und Reflexe, für manche Chaoten ein willkommener Anlass fürs Randalieren, für Nostalgiker Umzüge und Fäuste ballen. Vielleicht verstehen jetzt einige Unentwegte das Erinnerungsbeharren von Kameradschaftsbündlern, nachdem sie selbst realitätsfremd etwas beschwören, das nur noch als leere Floskel, als Klischee, dahinexistiert.


Der Wandel und die Bedeutungsverschiebungen machen nicht bei den Sozis oder Rosaroten Halt. Früher stand der Begriff «Alternativ» für links, für Aufbruch und Progression, für ein Vorwärts. Heute etikettiert er eine reaktionäre, chauvinistische, oft rechtsextreme Heimatbewegung, die rückwärtsgewandt sich an der Vergangenheit orientiert, unfähig und unwillig, die Herausforderungen der Gegenwart zukunftsoffen an- und aufzunehmen. «Alternativ» ist zu einem braunen Drohbegriff geworden.

Wer traut sich überlegt heute noch «Willkommen» sagen, nachdem dieser Terminus eine gefühlsduselige Ersatzpolitik kennzeichnet, die mehr Desorientierung und Verwirrung erzeugte, als half? Ausdruck für ein Missverständnis, das kaum mehr korrigierbar scheint und die redlichen Bemühungen und Dienste Tausender Hilfsbereiter desavouiert?

Antifaschismus bzw. Faschismuskeule. Es kommt immer noch darauf an, wer wem Faschismus vorwirft. Die AfD bzw. die neuen Alternativen werden in Deutschland von vielen als Faschisten beschimpft. Daneben gab und gibt es Neonazis, die trotz dieser Abwehrhaltung prosperieren und an Zulauf und Einfluss gewinnen. In Österreich genießt die Freiheitliche Partei ebenfalls bei vielen den Ruf einer zumindest faschistoiden oder rechtsextremen Partei.

In Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn hat die Rechtsbewegung der heimattreuen Nationalisten einen ungeahnten und teils unerwarteten Aufschwung genommen, der die Restauration untermauert. In Frankreich ist für die nächste nationale Wahl mit dem Sieg der Front National (FN) ein Rückfall ins ancien régime ernsthaft zu befürchten. Die Niederlande haben sich schon lange von ihrem offenen Liberalismus verabschiedet, und die skandinavischen Wohlfahrtsstaaten bunkern und mauern als neokonservative Nationalisten. Europa ist rechts und extrem geworden. Die alten, üblichen Etiketten taugen nicht mehr.

In Moskau wurden, war vor wenigen Tagen zu lesen, Teilnehmer eines historischen Wettbewerbs der Memorial Gesellschaft, die sich um Geschichtsaufarbeitung bemüht, von der Jugendgruppe der NOD (Nationale Befreiungsbewegung) tätlich angegriffen und als Faschisten beschimpft, als Huren denunziert. Slogans wie «Wir brauchen keine alternative Geschichte» oder Drohungen wie «Wir treiben den Teufel aus diesen jüdischen Kindern aus» komplettierten die ruhmreiche antifaschistische Verteidigung.

In Österreich wird Ähnliches gepflegt. Viele Besorgte versuchten im Jänner in einer Großdemonstration Besucher des Akademikerballes am Besuch zu hindern, beschimpften die Teilnehmer als Faschisten, die Veranstaltung als Schande, als untragbar für eine Demokratie. Während in Russland Nationalchauvinisten ihre Feinde als Faschisten brandmarken, unternehmen in Österreich das Gute Menschen gegen Freiheitliche. Während die russischen Aktionen bei uns meist negativ bewertet werden, sonnen sich in Österreich die sogenannten Antifaschisten im Licht eines positiven Widerstandes. Aber im Kern zeigen die antagonistischen Gruppen ein inakzeptables Gleichverhalten.

Der 1. Mai könnte als Trauerveranstaltung zum Nachdenken anregen, anstatt zur trotzigen Nostalgieübung. Einkehr statt Auskehr.

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