Für Octavio Brunetti - von streichzart bis ungestüm

27.04.2016 Rosemarie Schmitt

Der erste Eindruck, den ich von einer CD habe, liefert mir die Gestaltung des Covers. Da steht er, ein Mann mit Hut und Brille, einem kuriosen kurz- ärmel- und beineligem braunen Anzug und einem blauen Hemd. Aus dieser Wäsche schaut er etwas grimmig, oder skeptisch (?). Vor seinem Körper hält er eine auffällig dunkle Geige. Oben nennt er sich El Violin Latino und unten heißt er: Gregor Huebner! In Taillenhöhe ist zu lesen: «For Octavio»


Gregor Huebner, ein Violin-Latino? Ich taste mich also heran an die Musik des Streichers. Und dieses ist sein erster Streich: «a vontade mesmo-raul souza». Es dauert nur ein paar Takte um mich zu begeistern und zu fesseln. Ich sauge diese Musik auf wie ein Schwamm und genieße die Stimmung, in die sie mich bringt. Die temperamentvollen, melancholischen, gefühlvollen, leidenschaftlichen Melodien beschreiben Stimmungen, die es seit Urzeiten auf der Welt gibt, verständlich für jeden Menschen mit Emotionen.

Die Idee zu dieser Reihe entstand schon vor einiger Zeit in einem Café in New York während einer Session. Mappy Torrins, eine kubanische Dichterin, beschrieb die «Latin Violin» mit Worten, Gregor Huebner mit seiner Musik. Für ihn ist die Violine der gemeinsame Nenner der verschiedenen Stile. Selbstverständlich fließt sein persönlicher Stil in die Kompositionen mit ein – osteuropäische Volks- und Zigeunermusik haben ihn geprägt. Herausgekommen ist eine Gegenüberstellung von Kompositionen der einflussreichsten Komponisten aus lateinamerikanischen Ländern und eigenen Werken, die im selben Duktus geschrieben sind.

Der Einfluss osteuropäischer Musik ist für Gregor Huebner in der Musik Südamerikas deutlich hörbar, hier fühlt er sich wohl und zuhause. Das Erfolgsrezept von ihm lautet: «Sauge alles, was du erfährst, wie ein Schwamm auf und danach konzentriere dich auf die Dinge, die dich interessieren, aber verneine nie, woher du kommst.»

Demnach spielt die eigene Herkunft und persönliche Erfahrungen eine zentrale Rolle in seiner Musik und seinem Spiel. Was mich sehr beeindruckt, ja fasziniert und ungemein freut, ist die Tatsache, dass er die Herkunft seines Instrumentes nicht verneint. Ich erinnere mich nicht, jemals einen Jazzgeiger gehört zu haben, der die klassische Herkunft seiner Violine nicht versucht in Grund und Boden zu spielen. Huebner hat einen Ton drauf, den sich so manch klassischer Geiger wünscht! Seine Technik, seine Intonation, seine Fähigkeit zur Improvisation, seine Virtuosität sind herausragend! Doch von nichts kommt nichts!: Von 1994-1996 studierte er an der Manhattan School of Music, Master of music in Jazz / Performance und Komposition. Bei Harold Danko, John Hicks, Richie Beirach and Ludmilla Uhlela (Komposition). 1990-1994 an der Hochschule für Musik, Stuttgart. Studium der klassischen Violine bei Prof. Voss. ML Diplom. Studium des Jazz Klavier bei Paul Schwarz (ML Diplom). 1988-1990 Hochschule für Musik, Wien, Studium der klassischen Violine bei Prof. Zwiauer, dem Konzertmeister der Wiener Symphoniker.

Wenn dieses Album El Violin Latino Vol.2 heisst, lässt sich daraus schließen, dass es ein Erstes gibt. Jawohl, und das erschien im Jahr 2010. Gewidmet ist das zweite Album der «El Violin Latino» Produktion dem Pianisten Octavio Brunetti, einem Spezialisten auf dem Gebiet des Tango, und Mitspieler auf dem ersten Album der Reihe. Brunetti war ein Freund und musikalischer Verbündeter von Gregor Huebner, ja, war.

Am 3. August 2014 wurde Octavio Brunetti wegen einer bakteriologischen Infektionskrankheit in das Mount Sinai Hospital in New York eingeliefert. Angesichts der enormen Spitalkosten rief seine Familie zu Spenden auf. In 16 Tagen wurden über 33.000 USD gespendet. Die Ärzte fanden den Krankheitsherd jedoch nicht, und Brunetti starb an der Infektion. (Quelle: Wikipedia) Brunetti war erst 39 Jahre alt. Titel Nr. 8 auf El Violin Latino: For Octavio von Gregor Huebner.

Für die Produktion der aktuellen CD gab es ein Expertenteam an Musikern für jedes Land, Kuba, Brasilien und Argentinien, drei Sessions in New York, Gesangsaufnahmen in New York, Montevideo und Holland zeigen, wie breit das Netzwerk von Gregor Huebner ist und wie groß die Spielfreude, um dem hohen Anspruch und Niveau gerecht zu werden.

Für Konzerte hat Gregor Huebner eigens eine Band zusammengestellt, denn mit drei verschiedenen Bands auf Tour zu gehen, sprengt den Rahmen des realistisch möglichen. Klaus Mueller (Piano), Veit Huebner (Bass) und Jerome Goldschmidt (Percussion) begleiten Gregor Huebner (Violine) bei Live Auftritten in Clubs, Konzertsälen oder Festivals.

«El Violin Latino Vol. 2 – for Octavio» (FM 212 / bei GLM Music auf dem Label Fine Music) ist eine CD die Musik auf höchstem Niveau bietet.
Diese Musiker liefern 14 Tracks, von streichzart bis ungestüm:

Gregor Huebner violins, octave violin and voice
Yumaria, voice
Amparo Baron, voice
Karen Joseph, flute
Klaus Mueller, piano
Ruben Rodriguez, bass
Johnny Almendra, timbales and voice
Luis Bauzo, congas
Jerome Goldschmidt, bongos
Maucha Adnet, voice
Klaus Mueller, piano
Lincoln Goines, bass
Portinho, drums
Ernesto Camino, voice
Raul Jaurena, bandoneon
Emillio Solla, piano
Pedro Giraudo, bass

«I am extremely proud of this Album an can’t wait to start this music live», schreibt Huebner. Zuwas? Zurecht! Diese Musik ist großartig! Und auch ich kann es kaum erwarten, diesen Musiker und seine Band live zu erleben!

Herzlich,
Rosemarie Schmitt

  • Der Komponist und Geiger Gregor Huebner

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