SNAFU

25.04.2016 Kurt Bracharz

Na also, zumindest auf die Buchmacher kann man sich doch noch verlassen, die Bundespräsidentenwahl ist ausgegangen, wie es die bei ihnen Wettenden vorhergesagt haben: Hofer und Van der Bellen kommen in die Stichwahl. Das war allerdings wirklich nicht schwer vorherzusehen, man konnte eigentlich nur über die Relationen der Gewinne und Verluste spekulieren. Dass die Koalitionsparteien abgestraft würden, war keine Frage, und dass Hundstorfer in Vorarlberg nicht einmal auf volle fünf Prozent kam, ist auch nicht wirklich verwunderlich, wer hätte ihn denn hier warum wählen sollen?


Erstaunlicher sind da schon die lausigen zehn Prozent für Khol. Auch wenn er der «Architekt der Regierung Schüssel-Haider» war, die uns unter anderem die Hypo-Alpe-Adria eingebrockt hat, und ihm seine herzhafte Tiroler Art bei öffentlichen Auftritten wenig Sympathien einbringt, wäre er doch der eigentliche Polit-Profi in der Reihe der Kandidaten gewesen, und in einem Bundesland, in dem immer noch eine schwarze Mehrheit regiert (wenn auch mit grünem Beiwagerl), hätte das schon mehr als nur jeden zehnten Wähler stimulieren müssen.

Wird nun im Mai der TV-taugliche Herr Hofer der nächste Bundespräsident Österreichs werden? Werden die Frauen (mehr als die Hälfte des Wahlvolks) den erklärten Abtreibungsgegner Hofer wählen? Werden die Schwulen (um die zehn Prozent der Bevölkerung) den dezidierten Gegner der Homo-Ehe und des Adoptionsrechts für Homosexuelle Hofer wählen? Werden Menschen, die glauben, dass nach der nächsten Nationalratswahl – ob vorzeitig oder regulär – die FPÖ als Regierungspartei Strache zum Kanzler machen wird, dann auch noch gleichzeitig einen FPÖ-Bundespräsidenten im Amt sehen wollen?

Schade ist, dass Van der Bellen und nicht Irmgard Griss in die Stichwahl gekommen ist, denn Griss hätte, obwohl es ihr sowohl an Schlagfertigkeit als auch an Routine mangelt (wie man im ORF-Interview am Wahlabend sehen konnte, als sie auf praktisch alle Fragen mit «Darüber werde ich nachdenken» antwortete), mehr Sympathiewerte auf sich vereinigen können als der allzu bedächtige Van der Bellen, über den zu viele Vorurteile im Umlauf sind, während Griss ein unbeschriebenes Blatt ist.

Allerdings kann man aus den 35,3 Prozent (am Wahlabend) der Wahlbeteiligten für Hofer auch herauslesen, dass 64,7 Prozent aus den verschiedensten Gründen kein Interesse an einem BP Hofer haben, vom Nichtwählerreservoir ganz zu schweigen. Der Protestwähleranteil wird wohl kaum noch wachsen, der Anteil von Wahlberechtigten, die zwar nicht wirklich auf Van der Bellen stehen, aber das Land nicht der Strache-FPÖ ausliefern wollen und deshalb gegen Hofer wählen, aber vielleicht schon. Auch wer die roten und die schwarzen Gfrieser (Copyright für «rote Gfrieser» bei Andreas Khol) nicht mehr im ORF sehen mag, sollte sich nicht unbedingt die blauen Gfrieser antun.

NB: Ich würde ja lieber «Gfrisser» schreiben, aber so steht’s in den Annalen. Und SNAFU heißt «Situation normal, all fucked up.»


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