Kulturgrößen

24.04.2016 Haimo L. Handl

Am 23. April, dem Welttag des Buches, gedachten heuer mehr Medien und mehr Interessierte als gewöhnlich der beiden Giganten Miguel de Cervantes und William Shakespeare, weil deren Todestag sich zum 400. Mal jährte. Aber auch ohne dieses «runde» Datum bleiben der spanische Dichter und der englische Dramatiker fest im öffentlichen Bewusstsein, und zwar weltweit und nicht nur in «ihren» Ländern.


Den meisten außerhalb der spanischen und englischen Sprachkreise sind deren Werke nur in Übersetzungen zugänglich. Das ist aber kein wirklicher Nachteil. Denn die Übersetzungen stellen ja nicht neutrale Sprachübertragungen dar, sondern sind immer auch Interpretationen in der jeweils aktuellen Sprache, so dass der Leser von Übertragungen quasi das akkumulierte Wissen in der Sicht des Übersetzers mitgeliefert bekommt, was die Auseinandersetzung mit dem Stoff wenn schon nicht erleichtert, zumindest bereichert. Man könnte sagen, dass der Leser der Originalversion diese Interpretationsarbeit durch ein hohes und tiefes Sprachverständnis, neben dem entsprechenden kulturellen Wissen, selbst leisten muss.

Aber der Aspekt der weltweiten Bekanntheit und Wirkung belegt noch etwas Anderes, Wichtiges: Weltgröße ist nur deshalb möglich, weil Person und Werk nicht an den nationalen Grenzen halten, weil die Werke nicht nur der Nation gehören, weil jeder dümmliche chauvinistische Anspruch, würde er denn formuliert werden, nicht gälte, missachtet werden würde, da alle Interessierten, gleich wo, Anspruch nehmen, sich die Stoffe «einverleiben», indem sie sie rezipieren und an ihnen Interesse und Gefallen finden.

Die Konterkarierung bornierten Nationalstolzes hebt sich durch die grenzenlose, offene Haltung ab: Shakespeare hat zwar in England gelebt, aber er gehört nicht nur den Briten. Cervantes stammt aus Spanien, aber er gehört nicht ihnen. Jeder Bedeutende gehört allen, die ihn erkennen und wollen. Die marktstrategischen Spielchen, die altbackenen Besitzansprüchen gleichkommen oder chauvinistischen Stolz ausdrücken, werden wohl immer bleiben, aber sie sind unbedeutend, höchstens für das Geschäft wichtig. Wenn sich als Opfer verstehende Griechen auf «ihre» Wiege der Demokratie pochen und «ihre» alten Philosophen als ihnen gehörig reklamieren, äußern sie nur peinlich ihre aktuelle Beschränktheit, wenn Briten «ihren» Shakespeare als Symbol für ihren übersteigerten Patriotismus verwenden, belegen sie nur ein tiefes Missverständnis und fehlende Größe, die, wäre sie existent, nie so billig argumentierte (wie sie es mi der Monarchenverehrung tun als Ausdruck einer tiefen Krankheit!). Und ein Spanier, der sich auf Cervantes berufen muss, damit sein patriotisches Hochgefühl steigt, überdeckt einen hohlen Stolz, einen Schaden. Das lässt sich ganz allgemein auf alle nationalistischen Reklamierungen ausdehnen, ganz gleich von wem.

Lange vor «Multikulti» haben die Gebildeten über ihre engen nationalen Grenzen hinaus die Welt und die Kulturen erkundet, haben übersetzt und gedeutet, haben den geistigen Reichtum erweitert und geteilt. Kulturell war ihnen die «Gelehrtenrepublik» eher möglich oder die «Kulturweltgemeinschaft», als politisch. Aber immerhin. Heute scheint, trotz höchst entwickelter Kommunikationsmittel, eine eigentümliche nationale Ausrichtung sich wieder etablieren zu wollen, eine bornierte Gartenzwerge-Sicht innerhalb streng gesetzter Grenzen.

Gedenktage können da wie Anstöße wirken nachzudenken, was einen bereichert, erfüllt, gefangen nimmt, ganz gleich, von wo es stammt. Wie wohltuend, wenn nationale oder ideologische Lagergrenzen nicht mehr unumschränkt gelten, wenn andere Werte bestimmend werden im Wahrnehmen und Verstehen, im Interpretationsvorgang.

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