Crossing Europe 2016: Die Herausforderungen des Erwachsenwerdens

26.04.2016 Walter Gasperi

20.04.2016 bis 25.04.2016  

Nicht nur das Linzer Filmfestival selbst ist mit seiner 13. Ausgabe im Teenageralter angekommen, auch viele Filme des heurigen Spielfilmwettbewerbs erzählten vom Coming-of-Age und Eltern-Kind-Beziehungen – vielfach freilich unter schwierigen Bedingungen. Mit dem Crossing-Europe Award wurden im Spielfilmwettbewerb ex aequo Visar Morinas Kinderdrama «Babai» und Rachel Langs Tragikomödie «Baden Baden» ausgezeichnet.


Heimlich verschwindet der Vater des zehnjährigen Nori nach Deutschland, allein bleibt der Junge bei der Familie seines Onkels im Kosovo zurück. Doch Nori findet sich damit nicht ab, klaut dem Onkel das Geld, das er als Mitgift für die Hochzeit seines Sohnes gespart hat, kontaktiert eine Bekannte des Vaters, die mit dem Geld für ihn und für sich einen Schlepper bezahlt, der sie nach Deutschland bringt. Dort findet Nori zwar seinen Vater, doch dieser ist, obwohl er den Sohn liebt, wenig erfreut über das Wiedersehen.

Sichtlich beeinflusst vom italienischen Neorealismus erzählt Visar Morina in «Babai», der sich den mit insgesamt 10.000 Euro dotierten Crossing Europe Award mit Rachel Langs Tragikomödie «Baden Baden» teilt, ohne Schnörkel und konzentriert aus der Perspektive des zehnjährigen Jungen. Einfühlsam vermittelt er nicht nur dessen Gefühle, seine Sehnsucht nach dem Vater, aber auch die Enttäuschung darüber, wie er im Stich gelassen wird, sondern bietet auch Einblick in die von Ritualen und Traditionen bestimmte patriarchale Gesellschaft des ländlichen Kosovo.

Wie Nori wirkt auch der 14-jährige David in Joao Salavizas «Montanha» verloren. Seine wichtigste Bezugsperson war nach der Scheidung der Eltern der Großvater, doch dieser wird nun ins Krankenhaus eingeliefert. Mit seinem Freund zieht der Teenager durch das sommerlich-heiße Lissabon, klaut einen Motorroller, versucht bei einem Mädchen zu landen, das aber auch mit anderen Jungs herumhängt.

Unaufgeregt schildert Salaviza in dem bestechend fotografierten Langfilmdebüt in langen, vielfach statischen Einstellungen den Alltag und die Orientierungslosigkeit Davids, doch in der Aneinanderreihung von Szenen ermüdet «Montanha» auch, verliert sich in Beliebigkeit.

Deutlich unterhaltsamer ist da schon Rachel Langs preisgekrönte Tragikomödie «Baden Baden». Die Protagonistin ist hier zwar schon Mitte 20, weiß aber auch noch nicht, welche Richtung ihr Leben nehmen soll. Den Job bei einer Brüsseler Filmproduktionsfirma wirft sie hin, fährt zuück in ihre Heimatstadt Straßburg, um sich dort um ihre Großmutter zu kümmern und deren Bad umzubauen. Locker pendelt Lang zwischen Komödie und Drama, erzählt leichthändig von der bitteren Süße des Lebens und verbreitet trotz wiederkehrender Niederschläge Optimismus.

Einen starken Eindruck hinterließ auch Guillaume Senez´ «Keeper», in dem ein Jugendlicher mit der Schwangerschaft seiner Freundin konfrontiert wird, aber für Beziehung und Kind kämpfen will, dafür auch seine anvisierte Fußballkarriere sausen lässt. Vor allem der Blick von Senez, der sich ganz auf Augenhöhe der Jugendlichen begibt, und das Spiel seiner Hauptdarsteller Kacey Mottet Klein und Galatea Bellugi ist es, die diesen Film so überzeugend und glaubwürdig machen. Sie sorgen dafür, dass man hier wieder einmal das Gefühl hat dem Leben zuzuschauen und keine inszenierte Kinogeschichte vorgesetzt zu bekommen.

Zu überzeugen vermochte auch Andrew Stegalls «Departure», in dessen Mittelpunkt eine britische Mutter und ihr Sohn stehen, die in Südfrankreich ihr Ferienhaus für den Verkauf vorbereiten. Schon die erste Einstellung, in der Elliot in einer Narziss-Variation sein Spiegelbild küsst, stimmt auf eine Suche nach (sexueller) Identität ein.

Mit dem Auftauchen des jungen Clement brechen aber nicht nur bei Elliot, sondern auch seiner Mutter Gefühle durch, die sie bewegen sich klar zu bekennen, Entscheidungen zu treffen und einen Schlussstrich unter das bisherige Leben zu ziehen.

Neben den starken Schauspielern besticht «Departure» durch die Einbettung der Handlung in das frühherbstliche Südfrankreich und betörende Naturbilder, die dieser Geschichte einen sanft-poetischen Grundton verleihen.

Mit dem Erwachsenwerden zu kämpfen hat sichtlich auch die 14-jährige Rose in Julia Kowalskis «Crache Coeur – Raging Rose». Ihr Vater kümmert sich fürsorglich um sie, ist stolz auf die Querflötistin, doch sie behauptet gegenüber Freundinnen, dass er sie schlägt. Bewegung kommt in ihr Leben, als sie einen polnischen Arbeiter kennenlernt, der in Frankreich seinen 15-jährigen Sohn sucht, den er seit seiner Geburt nicht mehr gesehen hat.

Die ebenfalls polnischstämmige Rose beginnt sich für diesen Sohn, der die gleiche Schule wie sie besucht, zu interessieren und verliebt sich in ihn, doch ihre Gefühle werden zumindest zunächst nicht erwidert.

Wohl auch von eigenen Erfahrungen inspiriert hat die polnischstämmige Regisseurin diese Coming-of-Age Geschichte, unterstützt von einer starken Liv Henneguier in der Hauptrolle, einfühlsam und mit viel Gespür für die Gefühlsregungen des Teenagers inszeniert, schafft auch eine ganz eigene Atmosphäre, indem sie den Film jeder Zeit enthebt. Denn einerseits agieren die Figuren ganz heutig agieren und sind auch so gekleidet, aber statt Handys wird ein altes Festnetztelefon verwendet und statt CDs werden Schallplatten aufgelegt, während andererseits auch wieder ein moderner Flachbildschirm vorkommt.

Märchenhaft wirkt auch Svetla Tsotsorkovas «Jajda - Thirst», in dem auf einem abgelegenen bulgarischen Hof eine Frau mit Mann und Sohn im Teenageralter die Wäsche der Hotels der Region wäscht. Doch weil Wasserknappheit herrscht, nimmt die Familie einen Mann mit seiner etwa 13-jährigen Tochter auf, die angeblich Quellen aufspüren kann. Auf ihre Anweisung wird auch bald nach Wasser gebohrt, doch mehr als der Durst nach Wasser meint der Titel den Durst nach Nähe und Liebe, der nicht nur bei der Frau erwacht, sondern auch zwischen den beiden Jugendlichen.

Ganz auf die in Braun getauchte Hochebene und weitgehend auf die fünf Personen reduziert, entwickelt Tsotsorkova in ihrem mit dem Publikumspreis ausgezeichneten bildstarken Film langsam und ruhig die Handlung, vertraut mehr auf Gesten und Blicke als auf Worte.

Zupackendes sozialrealistisches Kino im Stil eines Ken Loach bot dagegen im Panorama European Fiction Samuel Collardey mit «Tempête – Land Legs». Nach einem wahren Fall inszenierte der Franzose mit den Betroffenen selbst in den Hauptrollen die Geschichte des Hochseefischers Dom, der um sich mehr um seine im Teenageralter befindlichen Kinder kümmern zu können, selbstständig machen will, sich dabei aber bald mit großen finanziellen Problemen konfrontiert sieht.

Dichte und Durchschlagskraft entwickelt dieses Drama durch seinen ungeschminkten Realismus, das glaubwürdige Spiel der Protagonisten und die knappe Inszenierung, die jedes Aufkommen von Melodramatik und Sentimentalität verhindert. – Ein starker Film, in einem Festival, das zwar nicht mit herausragenden Meisterwerken aufwartete, aber wieder eine klare Handschrift zeigte und die Gelegenheit zu spannenden Entdeckungen bot, die bedauerlicherweise wohl nur in den wenigsten Fällen einen Verleiher und damit den Weg in die Kinos finden werden.

Die Liste der Preisträger finden Sie hier

  • Babai (Visar Morina)
  • Baden Baden (Rachel Lang)
  • Montanha (Joao Salaviza)
  • Keeper (Guillaume Senez)
  • Departure (Andrew Stegall)
  • Crache Coeur - Raging Rose (Julia Kowalski)
  • Jajda - Thirst (Svetla Tsotsorkova)
  • Tempête - Land Legs (Samuel Collardey)

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