Das Versteck

30.06.2016 Walter Gasperi

In einem streng geführten Internat verschwinden mehrere Mädchen. – Narciso Ibáñez Serradors im Südfrankreich des frühen 20. Jahrhunderts spielender Horrorfilm ist ein Klassiker des spanischen Giallo. Bei Colosseo-Film ist diese 1969 gedrehte Genreperle auf DVD erschienen.


Eine neue Schülerin wird von ihrem Vormund in dem von Madame Forneau (Lilli Palmer) streng geführten Mädcheninternat abgeliefert. Nie wird der Film dieses Anwesen verlassen, gewinnt dadurch schon Dichte und eine bedrückende Atmosphäre. Geschickt hat Madame hier ihr Machtsystem aufgebaut, indem sie eine Schülerin zu ihrer Helferin gemacht hat.

Dass hier nicht alles mit rechten Dingen zugeht, spürt man als Zuschauer schon bei der Hausführung für den Neuankömmling Teresa, denn wie von Geisterhand schließt sich da eine Tür oder es erscheint ein Männerkopf hinter eine Fensterscheibe. – Oder sind das alles nur Fantasien Teresas?

Für das Leben als Hausfrau sollen die Schülerinnen hier vorbereitet werden, werden nicht in klassischer Literatur unterrichtet, sondern auch im Ballett und Musizieren, in der Blumenpflege und im Kochen. Doch gleichzeitig gärt in diesem abgeschlossenen Raum bei den jungen Frauen freilich das Verlangen nach Kontakt zum anderen Geschlecht. Heimlich treffen sie sich deshalb hin und wieder mit Madame Forneaus Sohn Luis.

Doch dann verschwindet eine Schülerin – und nur der Zuschauer weiß, dass Isabel im Gewächshaus ermordet wurde – und auch Teresa will, nachdem sie von der Helferin Madame Forneaus brutal gemobbt wurde, flüchten.

Blut fließt in diesem Horrorklassiker von Narciso Ibáñez Serrador, dessen bekanntester Film wohl «Ein Kind zu töten…» ist, nur wenig. Serrador setzt vielmehr auf die beklemmende Atmosphäre, auf die abgeschlossene Mädchengemeinschaft mit ihren Machtverhältnissen und fiesen Machtspielen sowie einer starke Lilli Palmer in der Rolle der Leiterin des Internats.

Meisterhaft spielen Musik und Kamera zusammen und erzeugen in den langen Gängen eine Stimmung der Verunsicherung und der Morbidität. Gleichzeitig spielt Serrador auch ganz stark mit dem Sexuellen. Verdeckt wird dies einerseits, wenn die Mädchen bekleidet duschen müssen, gleichzeitig kommt das Begehren zum Ausdruck wenn sie Madame Forneuas Sohn dabei heimlich beobachtet.

Auch die Mordszenen sind unübersehbar sexuell konnotiert, wenn das Messer in den Körper eindringt, während bei einer Sexszene nur das Stöhnen zu hören ist, gleichzeitig aber die Penetration auf der Bildebene durch die jungen Frauen, die beim Handarbeitsunterricht einen Faden durch eine Öse ziehen oder mit der Nadel in den Stoff stechen angedeutet wird, und die Szene schließlich in einer schnellen Abfolge von erregten Mündern und Augenpartien endet.

Nichts Übernatürliches fördert auch die ziemlich abgedrehte Auflösung zu Tage, die keine Erlösung und Katharsis bringt. Auch hier steht das Sexuelle wieder im Zentrum, das Verlangen nach dem anderen Geschlecht, das bei Unterdrückung zu Gewalttätigkeit führen kann, aber auch eine weitere krankhafte Beziehung bringt Serrador hier ins Spiel. – Verraten werden soll hier freilich nicht zu viel.

An Sprachversionen bietet die bei Colosseo Film erschienene DVD die spanische, englische und deutsche Fassung, aber keine Untertitel. Die Extras beschränken sich neben einem kurzen Interview mit dem Schauspieler John Moulder-Brown auf den Trailer und eine Bildergalerie.

Trailer zu «Das Versteck» (englisch)

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