Familie zu vermieten

19.04.2016 Walter Gasperi

Was nützt der ganze Reichtum, wenn man einsam ist? Der Mittvierziger Paul-André versucht aus seinem goldenen Käfig auszubrechen, indem er sich in die Familie einer schwer verschuldeten Frau einmietet. Doch bald kommen zu dem sachlichen Vertrag auch Gefühle. – Ebenso märchenhaft wie romantisch reflektiert Jean-Pierre Améris in seiner sympathischen Komödie über Familie und soziale Milieus.


Wie eine Festung wirkt der abgeschiedene Betonklotz, in dem Paul-André (Benoît Poelvoorde) wohnt. In der Computerbranche hat er ein Vermögen verdient und könnte jetzt das Leben genießen. Doch Trübsal blasend und düstere klassische Musik hörend sitzt er auf der Terrasse.

Den größtmöglichen Gegensatz zu ihm stellt die junge Violette (Virginie Efira) dar. Während ihn die Kamera statisch aufnimmt, folgt sie ihr dynamisch durch einen Supermarkt. Dem tristen Grau von Paul-Andrés Villa stehen die knallbunten Regale des Supermarkts, seinem grauen Anzug ihre leuchtend roten oder türkisen Blusen und der klassischen Musik Popsongs gegenüber.

Während er völlig passiv ist und keine Emotionen kennt, sprüht sie vor Lebenshunger und einer Impulsivität, in der sie auch gleich mal einen Kaufhausdetektiv mit dem tiefgekühlten Hühnchen, das sie klauen wollte, niederschlägt. Die Tat bringt sie und ihre Verschuldung ins Fernsehen, in dem sie ein Loblied auf die Familie hält, das Paul-André veranlasst, ihr ein Angebot zu machen: Er zieht gegen ein Honorar bei ihr und ihren beiden Kindern im verdreckten Vorstadthäuschen ein und übernimmt dafür zusätzlich noch ihre Schulden.

High-Society trifft so auf Proletin, zu Emotionen unfähiger Sauberkeitsfanatiker auf lebenslustige und chaotische Familie. Hier sprühen die Funken, reiben sich die Figuren, denn bald spannt Jean-Pierre Améris den Bogen weiter, lässt Paul-André an einem Picknick mit Violettes Verwandtschaft teilnehmen, während später natürlich noch Violette mit ihren beiden Kindern von Paul-André in ein vornehmes Hotel und in die Villa seiner Mutter (hinreißend: der Altstar Edith Scob) mitgenommen wird.

Es sind solche Gegensätze, aus denen Komödien geschnitzt sind, aus denen sie ihren Drive und ihren Witz beziehen – und schließlich auch die Augen schärfen für die komplexe Institution Familie, für die unterschiedlichen Faktoren, die hier hineinspielen.

Nach «Die anonymen Romantikern», in dem es um Liebesprobleme hochsensibler Menschen ging, und «Marie Heurtin – Die Sprache des Herzens», in dem Améris vom schwierigen Lernprozess einer taubstummen und blinden jungen Frau um 1900 erzählte, widmet sich der Franzose ein weiteres Mal Menschen, die sich mit sich und der Welt aus verschiedenen Gründen schwer tun.

Er erklärt ihre Persönlichkeit dabei aber nicht aus ihnen selbst heraus, sondern bringt wunderbar locker ihre Sozialisation ins Spiel, zeigt die prägende Wirkung der Erziehung, aber auch die Probleme, die im Familienleben nicht zuletzt deshalb entstehen, weil dabei ganz unterschiedliche Charaktere zusammentreffen können.

Vertrauen kann Améris dabei auch auf die wunderbar harmonierenden Hauptdarsteller Benoit Poelvoorde und Virginie Efira. Sie sind fast ein so perfektes Gegensatzpol wie Cary Grant und Katharine Hepburn in Howard Hawks´ klassischer Screwball-Komödie «Bringing up Baby» («Leoparden küsst man nicht», 1938). Mag Poelvoordes Spiel zunächst zumindest scharf an der Grenze zum Overacting vorbeischrammen, so lebt er sich bald immer mehr in die Rolle hinein, taut langsam auf, findet Gefallen an der Lebendigkeit und auch dem Lärm der beiden Kinder, und entdeckt langsam freilich auch Gefühle für Violette.

Leicht kann man das verstehen, denn einfach umwerfend spielt Virginie Efira diese alleinerziehende Mutter, die zwar gerne auf Liebe, aber nicht auf Sex verzichten kann. Sie ist das energetische Herz dieses Films, braucht aber freilich auch Poelvoorde als Gegenpol für die spritzigen Dialoge.

Obligat ist bei solchen Filmen zwar, dass auf eine Annäherung nach etwa einer Stunde ein Bruch folgt, ehe man sich nochmals näher kommt, doch das Drehbuch wartet mit einigen Wendungen auf, die dafür sorgen, dass kein Leerlauf aufkommt – auch wenn von Anfang an vorherzusehen ist, dass sich bei dieser Komödie, die das Märchenhafte noch dadurch betont, dass mehrere Szenen in einem leuchtend grünen Wald beziehungsweise einem Park spielen, die beiden sich am Ende finden und eine Patchwork-Familie bilden werden, die auf Sympathie und Liebe und nicht auf einem Vertag fußt.

Läuft derzeit im Cineplexx Hohenems und ab Donnerstag, 21.4. auch in den Schweizer Kinos

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