Neues Licht auf eine alte Geschichte

11.04.2016 Kurt Bracharz

Roberto Calvi wurde 1920 in Mailand geboren, trat 1947 in seiner Heimatstadt in den Banco Ambrosiano ein und machte eine erstaunliche Karriere vom einfachen Angestellten über den Generaldirektorsposten (1971) bis zum Präsidenten (1974) dieser Bank. Das ziemlich offene Geheimnis seinen Aufstiegs war seine Tätigkeit für die Mafia – er führte ab 1957 Finanztransaktionen und Geldwäsche für mehrere Familien der Cosa nostra durch. Dazu war er von dem Mafia-Banker Michele Sindona, einem der größten Teilhaber des Banco Ambrosiano, eingeschult worden.


Nützlich war für Calvi ab 1958 seine Bekanntschaft oder sogar Freundschaft mit Givoanni Battista Montini, dem späteren Papst Paul VI. Sie ebnete ihm den Weg zu Transaktionen mit der Vatikanbank Opera religiosa, die damals keinen außervatikanischen Kontrollen unterlag (und innervatikanischen schon gar nicht). Calvi verschob für die Mafia, den Vatikan, die Geheimloge Propaganda Due und südamerikanische Kokainkartelle Milliardenbeträge zwischen dem Banco Ambrosiano, der Vatikanbank, Schweizer Banken und eigenen Bankgründungen und Briefkastenfirmen in Panama und auf den Bahamas.

1974 verlor Calvis Protektor Sindona bei einem Börsencrash soviel Geld, dass eine seiner Banken Insolvenz anmelden musste. Seine Gläubiger klagten Sindona und beim Prozess gegen ihn geriet auch Calvi ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit, der bei demselben Crash 40 Millionen Dollar der Vatikanbank verzockt hatte. Das hinderte Papst Johannes Paul II. Ende der 1970er Jahre nicht, Calvis Dienste in Anspruch zu nehmen, als US-Gelder zur Solidarnosc nach Polen gepumpt werden sollten. 1981 wurde Calvi angeklagt, 27 Milliarden Lire schwarz ins Ausland transferiert zu haben, und in 1. Instanz zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Dieses Urteil wurde aber wieder aufgehoben. 1982 musste der Banco Ambrosiano Konkurs anmelden, und sein Immer-noch-Präsident Calvi floh aus Italien.

Am 10. Juni verließ er das Land, am 13. Juni nahm er sich in London ein Hotelzimmer. Fünf Tage später wurde er unter der Londoner Blackfriars Bridge erhängt aufgefunden, was zunächst von der englischen Polizei als Selbstmord eingeschätzt wurde, obwohl der 62-Jährige schon rein physisch kaum an jene Stelle der Brücke hätte klettern können, an der seine Leiche mit den Beinen ins Wasser hängend aufgefunden wurde. Im Jahre 2002 wurde die Fremdeinwirkung offiziell festgestellt und inoffiziell nahm man auch zur Kenntnis, dass die Täter für die Hinrichtung des «Bankiers Gottes», wie man den wichtigsten Bankpartner des Vatikans irgendwann nannte, wohl nicht zufällig die «Brücke der Schwarzen Brüder» ausgewählt hatte. 2005 wurden der Pate Pippo Calò und vier weitere Mafiosi des Mordes an Calvi angeklagt, aber mangels Beweisen freigesprochen.

Warum wärme ich diese Geschichte, über die es reichlich Literatur gibt, hier ein weiteres Mal auf? Nun, Calvi unterbrach seine ziemlich schleunige Flucht für eine überraschende Zwischenstation: Er stieg in Bregenz im Hotel «Central» in der Kaiserstraße ab und traf sich mit einem «Geschäftsmann». Bisher dachte ich immer, die geographische Nähe zu Schweizer oder Liechtensteiner Banken sei der Grund für Calvis Fluchtunterbrechung in Bregenz gewesen und Calvi hätte vielleicht einen nicht dokumentierten Kurztrip nach Vaduz oder St. Gallen gemacht, weil ich die Vorarlberger Banken für zu bieder hielt, um in die Offshore-Geschäften der ganz großen Verbrecherorganisationen verwickelt zu sein, aber vielleicht habe ich mich da getäuscht?


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