Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen

21.04.2016 Walter Gasperi

Jean-Jacques Beineix Liebesfilm gehört zu den Musterbeispielen für das französische «Cinema du Look» der 1980er Jahre: Postmodernes Kino, das nicht realistisch sein will, sondern mit Postkartenbildern und Versatzstücken aus der Filmgeschichte knallig und kitschig eine Geschichte erzählt, in der die gesellschaftliche Realität keine Rolle spielt. Bei Capelight Pictures ist die Kinofassung und der rund 60 Minuten längere Director's Cut in einer 3-Disc Limited Collector's Edition auf Blu-ray erschienen.


Der Auftakt ist Programm: in einer mehrminütigen Totalen zeigt die Kamera von Jean-François Robin einen leidenschaftlichen Geschlechtsakt zwischen Betty (Béatrice Dalle) und Zorg (Jean-Hugues Anglade), zoomt langsam an das keuchende und stöhnende Paar ran, ehe mit Zorgs «Es war jetzt eine Woche her, seit ich Betty getroffen hatte. Wir bumsten jede Nacht.» im Voice-over der erste Satz fehlt.

Wie diese ruhige Einstellung im Strandhäuschen mit Mona-Lisa-Poster hinter dem Bett durch Ausleuchtung und Farbgebung Postercharakter hat, so arbeitet Jean-Jacques Beineix durchgängig mit Bildern und Motiven aus zweiter Hand. Nicht aus der Realität, sondern aus Werbung und Filmgeschichte speist sich die Handlung und Ästhetik des 1986 nach dem gleichnamigen Roman von Philippe Dijan entstandenen «Betty Blue».

Nebenfiguren tauchen auf und verschwinden wieder, einzige Konstante ist die leidenschaftliche und obsessive Liebe von Betty und Zorg. Immer wieder sieht man sie folglich auch beim Sex, nackt- oder nur halbbekleidet zeigt sich gerne nicht nur die damals 22-jährige Béatrice Dalle in ihrer ersten Filmrolle, sondern auch Jean-Hugues Anglade.

Nachdem Betty ihren Job in einer Bar verloren hat, steht sie vor den Strandhäuschen, um die Zorg sich als Hausmeister kümmern und die er in kräftigem Rosa und Hellblau anmalen muss. Dass Zorg von seinem Chef herumkommandiert wird, gefällt der impulsiven Betty nicht. Sie schüttet nicht nur einen Kübel Farbe über dessen Wagen, sondern steckt bald auch das Häuschen in Brand, haut mit Zorg ab und findet bei einer Freundin an der Marne Unterkunft.

Allein von den Gefühlen getrieben wird diese Frau, lässt der Vernunft keinen Raum. Als sie ein Manuskript des Möchtegern-Schriftstellers Zorg entdeckt, reicht sie es bei mehreren Verlagen ein, wartet zunächst gespannt und bald verzweifelt auf Antwort und attackiert nach Absage einen Verleger auch physisch.

Kurz kommt sie dafür zwar in Haft, doch der Polizist, der selbst gern Schriftsteller wäre, zeigt Verständnis für ihre Reaktion. Bald kommt sie so zwar frei, doch auf ihrer Odyssee durch Frankreich tritt Bettys Persönlichkeitsstörung für den Zuschauer immer klarer zu Tage, während Zorg unverbrüchlich zu ihr hält.

Bruchlos wechseln hier dramatische mit witzigen Szenen, wird aus dem Melodram eine Komödie. Zum Kultfilm und einem Musterbeispiel für das postmoderne Kino avancierte in den 1980er Jahren «Betty Blue» mit seinem Schwelgen in kitschigen Bildern idyllischer Landschaft und knalligen Farben vom gelben Mercedes 230 bis zu Bettys knallrotem Kleid.

Dem gesellschaftskritischen Kino der 1960er und 1970er Jahre wurde hier ein Hochglanzkino gegenübergestellt, das sich für die Welt und gesellschaftliches Engagement nicht mehr interessiert, sich ganz auf das private Glück konzentriert und dessen Leben sich nicht mehr an der Realität, sondern vielmehr an der medialen Welt der Werbung und der Kinobilder orientiert.

Ironisch kann man Beineix Blick auf diese Generation sehen, zum Erfolg aber wurde der Film wohl deshalb, weil das Zielpublikum sich mit dem Lebensstil und der Bilderwelt von Betty und Zorg voll identifizieren konnte, den Film nicht ironisch, sondern durchaus ernst nahm.

Aus der Distanz betrachtet muss man zwar immer noch die Konsequenz von Ästhetik und Stil bewundern, doch mit der Oberflächlichkeit und Hohlheit von Geschichte und Bildern, die mit dieser Ästhetik zwangsläufig einher gehen tut man sich heute schwer: Weil die Form hier alles ist und der Inhalt banal bleibt, ist «Betty Blue» aus heutiger Sicht wohl nur noch als Dokument einer vergangenen Epoche des Kinos und einer anderen Zeitstimmung reizvoll.

Spannend ist freilich der Vergleich zwischen dem 174-minütigen Director´s Cut und der um rund 60 Minuten kürzeren Kinofassung. Beide Versionen bietet die 3-Disc Limited Collector's Edition, die bei Capelight Pictures auf Blu-ray erschienen ist, akribisch aufgezeigt werden die Kürzungen aber auch bei schnittberichte.com.

Dazu kommen ein Booklet, ein Making of, ein Kurzfilm von Beineix und die Dokumentation «Betty Blue – 20 Jahre später». An Sprachversionen bietet die Edition, die französische Originalfassung, zu der deutsche Untertitel zugeschaltet werden können, sowie die deutsche Synchronfassung.

Trailer zu «Betty Blue - 37,2° am Morgen»

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