Ein Mann namens Ove

12.04.2016 Walter Gasperi

Nicht neu ist die Geschichte vom alten Griesgram, der durch eine neue Bekanntschaft langsam auftaut. Dank trefflicher Besetzung und sicherer Balance zwischen Komödie und Drama funktioniert das Rezept aber auch in Hannes Holms Bestsellerverfilmung, auch wenn das warmherzige Feelgood-Movie mit knapp zwei Stunden etwas zu lang geraten ist.


Wenn der Endfünfziger Ove (Rolf Lassgård) im Gartenmarkt die Verkäuferin anpflaumt, weil sie seinen Gutschein nicht annimmt, könnte man ihn schon als misanthropischen Griesgram abtun, doch wenn er in der nächsten Szene die soeben gekauften Blumen auf dem Grab seiner Frau niederlegt, bekommt diese Figur schon wieder mehr Schattierungen: Da ist einer eben nicht nur als Mensch ungenießbar, sondern leidet auch an einem schweren Verlust.

Und so erzählt Hannes Holm in seiner Verfilmung von Fredrik Bakmans Bestseller nicht nur vom langsamen Auftauen dieses verbitterten Mannes, der nach seiner Entlassung bei der Eisenbahn den letzten Halt im Leben zu verlieren scheint, sondern auch eine große und bewegende Liebesgeschichte.

Doch zunächst einmal möchte Ove aus dem Leben scheiden. Bei jedem Versuch wird er aber einerseits gestört, andererseits bietet sich dabei für ihn auch immer wieder die Gelegenheit sich an ein Stück seines Lebens vom frühen Verlust der Mutter über die Kindheit bis zur Begegnung mit der angehenden Lehrerin Sonja (Ida Engvoll) zu erinnern. Stück für Stück erhält man so ein zunehmend kompletteres Bild eines Mannes, der nie selbst Entscheidungen traf oder treffen konnte und dadurch zunehmend einen Hass auf die Welt – und vor allem auf die Behörden – entwickelte.

Und zwischen diesen in warmes Gelb getauchten Rückblenden entwickelt sich auf der Gegenwartsebene, bei der durch kaltes Grau und Blau die Tristesse und Leere von Oves Leben gespiegelt wird, langsam eine Beziehung zur hochschwangeren Perserin Parvaneh (Bahar Pars) und ihren zwei Kindern, die als neue Nachbarn in der Reihenhaussiedlung einziehen.

Frühmorgens kontrolliert der wortkarge Pedant zwar jeweils die Einhaltung der einst von ihm selbst für die Bewohner aufgestellten Regeln, prüft die Mülltrennung und äußert seinen Ärger über einen kleinen Hund, der auf den Gehsteig pinkelt, ebenso wie über Autos, die durch die offiziell verkehrsfreie Siedlung fahren oder sperrt falsch abgestellte Fahrräder weg, doch nolens volens kann er sich auf Dauer der Freundlichkeit der Perserin nicht entziehen. Nach außen hin versucht er zwar knorrig zu bleiben, zeigt aber doch auch zunehmend emotionale Regungen.

Alles andere als neu ist die Geschichte, die Hannes Holm erzählt, bekannt nicht nur aus Filmen wie Stéphane Brizés «Je ne suis pas là pour être aimé» («Man muss mich nicht lieben»), Clint Eastwoods «Gran Torino» oder Bent Hamers «O´Horten», aber wie der Schwede die Balance zwischen Komödie und Drama wahrt, wie er ein Geheimnis in Oves Ehe zwar schon früh andeutet, aber erst am Ende Einblick bietet und wie er die Handlung mit genauem Blick auf die Figuren in dieser Wohnsiedlung verankert, und am Rande auch mit den Behörden abrechnet, das lässt doch über dieses Dejá vu hinwegsehen und Gefallen an der Wandlung Oves finden.

Zu verdanken ist das freilich auch dem durch seine Verkörperung von Henning Mankells Kommissar Wallander bekannten Rolf Lassgård, der diesen pedantischen Jungrentner wunderbar stoisch spielt. Aber auch schwedische Eigenheiten und Skurrilitäten wie ein Streit um die nationalen Automarken Saab und Volvo, die freilich immer noch besser sind als BMW, Audi oder Renault, oder ein junger Migrant, den Ove schließlich ebenso wie zuvor schon eine Katze mehr oder weniger gezwungen bei sich aufnimmt, sorgen dafür, dass «Ein Mann namens Ove» eigenen Charme entwickelt.

Ganz selbstverständlich ist das inszeniert. Auf Mätzchen verzichtet Holm, stellt seine Regie ganz in den Dienst der Geschichte und lässt den Schauspielern Raum. Warmherzig ist sein Blick auf die Menschen und sanft, aber bewegend feiert er in diesem Feelgood-Movie das Leben. – Auch das ist nicht neu im Kino, doch ändert dies nichts daran, dass einem bei dieser sehr stimmigen, den Ton immer genau treffenden und auch vor sanfter Sentimentalität nicht zurückschreckenden Tragikomödie warm ums Herz werden muss, auch wenn das Tempo und die Prägnanz des Anfangs nicht durchgehalten wird und gegen Ende die eine oder andere leichte Kürzung nicht geschadet hätte.

Läuft derzeit im Cineplexx Hohenems und im Feldkircher Kino Rio. - Ab 5.5. in den Schweizer Kinos

Trailer zu «Ein Mann namens Ove»

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