The Pervert´s Guide to Cinema

12.05.2016 Walter Gasperi

Sophie Fiennes lässt den slowenischen Philosophen und Psychoanalytiker Slavoj Zisek 150 Minuten lang Klassiker der Filmgeschichte von Hitchcock und Chaplin bis Lynch und Kieslowski analysieren. Die höchst unterhaltsame Reise durch die psychologischen Ab- und Hintergründe des Kinos ist bei absolut Medien auf DVD und Blu-ray erschienen.


Man spürt die Leidenschaft des Slowenen Slvaoj Zizek, wenn er übers Kino spricht. Vor allem die abgründigen Filme haben es ihm angetan. Immer wieder kommt er auf Hitchcock und Lynch zurück, blickt aus der Perspektive der Lehren Sigmund Freuds und Jacques Lacans auf die Filme dieser Meister der siebten Kunst .

Ödipale Konstellationen und übermächtige Mutterfiguren bei Hitchcock, ins Absurde übersteigerte autoritäre Väter bei Lynch deckt er auf, stellt Querverbindungen und Parallelen der Filme her, macht sichtbar, wie Coppola in «The Conversation» «Psycho» zitierte.

Manchmal sitzt oder steht Zizek in leeren, abstrakten Räumen, dann wieder in nachgebauten Filmsets, die die Erinnerung an den jeweiligen Film steigern oder taucht in einer der stärksten Szene direkt in Hitchcocks «Vertigo» ein, wenn er sich wie Kim Novak im Halbdunkel im Profil filmen lässt. Fließend gehen seine Ausführungen in Filmszenen und Filmszenen in seine Ausführungen über. Das Ineinandergreifen der beiden Ebenen gehört zu den großen Qualitäten von Sophie Fiennes Dokumentarfilm.

Assoziativ springt der Philosoph und Psychoanalytiker dabei von einem Film zum nächsten, zeigt anhand von Lars von Triers «Dogville» und Victor Flemings «The Wizard of Oz», wie die Illusionsmaschine Kino zwar transparent gemacht wird, die Illusion aber dennoch weiter anhält. Anhand von William Friedkins «Der Exorzist», Fritz Langs «Das Testament des Dr. Mabuse» und Charlie Chaplins «The Great Dictator» spürt er der Rolle der Stimme ebenso nach, wie anhand von Michael Powells/Emeric Pressburgers Ballettfilm «The Red Shoes» und Stanley Kubricks pechschwarzer Satire «Dr Strangelove» der Bedeutung von untoten Dingen wie den Schuhen im einen oder dem Arm der Titelfigur im anderen Film.

Immer wieder geht es um Ich, Es und Über-Ich, das Zizek bei Hitchcocks «Psycho» in Dachboden, Erdgeschoss und Keller von Bates Motel ebenso umgesetzt findet wie bei den Marx Brothers, bei denen Groucho das Über-Ich, Chico das Ich und der einerseits kindlich unschuldige, andererseits vom ursprünglich Bösen besessenene stumme Harpo das Es verkörpert.

Keine chronologische Filmgeschichte wie in Marc Cousins phänomenaler DVD-Sammlung «The Story of Film» wird hier geboten. Vielmehr beleuchtet Zisek einzelne Aspekte der Faszination des Kinos, ergründet im ersten Teil, wie menschliche Sehnsüchte im Kino weniger gespiegelt als vielmehr erst gelehrt werden, fokussiert im zweiten auf der Darstellung von Geschlechterverhältnissen und im dritten auf dem Verhältnis von Realität und Illusion.

Anstrengend könnte das sprunghafte Changieren und Flottieren zwischen Filmen sein, ist dank des mitreißenden Erzählers Zisek aber höchst unterhaltsam und äußerst anregend, weckt die Lust die Klassiker nochmals und neu zu sehen.

An Sprachversionen bieten die bei absolut Medien erschienene DVD und Blu-ray nur die englische Originalfassung, zu der deutsche Untertitel zugeschaltet werden können. Die Extras beschränken sich auf ein Booklet, das es aber mit einem ausführlichen Interview mit der Regisseurin Sophie Fiennes und Aufsätzen von Zizek zu zentralen Motiven im Werk Hitchcocks und zum Kollaps der Intersubjektivität in sich hat und ebenso gedankenreiche wie spannende Lektüre bietet.

Trailer zu «The Pervert´s Guide to Cinema»

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.