10 Cloverfield Lane

05.04.2016 Walter Gasperi

Nach einem Autounfall erwacht die junge Michelle in einem Bunker. Wurde sie entführt oder wie ihr Bewacher behauptet vor einem atomaren oder chemischen Angriff gerettet? – Dan Trachtenberg demonstriert in seinem kompakten kleinen Thriller auf engstem Raum meisterhaft die Kunst des Spannungsaufbaus und der Verunsicherung des Zuschauers.


So knapp und kompakt die Exposition ist, so ökonomisch und schnörkellos ist Ben Trachtenbergs ganzes Langfilmdebüt inszeniert: Auf den Blick auf eine Brücke und eine Skyline, die die Handlung in New Orleans situiert, sieht man eine junge Frau (Mary Elizabeth Winstead) mit einer Schachtel eine Wohnung verlassen, Schlüssel und Ring zurücklassen. Offensichtlich hat sie sich von ihrem Freund getrennt.

In Wechsel von Luftaufnahmen und Einstellungen im Auto begleitet sie die Kamera bei ihrer Fahrt durchs offene Land und vom Tag in die Nacht. Nur mit einem Anruf ihres Freundes kommen Worte in diese filmsprachlich und musikalisch meisterhaft instrumentierte Eröffnung. – Und schon kracht es, überschlägt sich ihr Wagen, wird die Leinwand schwarz und Michelle – und mit ihr der Zuschauer - erwacht wieder in einem Bunker.

Als wehrhaft erweist sie sich hier bald, versucht ihrem Entführer Howard (John Goodman) zu entkommen, doch dieser behauptet, sie nicht entführt, sondern vielmehr vor den Folgen eines atomaren oder chemischen Angriffs in seinen Bunker gerettet zu haben. Neben Michelle hält Howard hier aber auch den jungen Emmett (John Gallagher, jr.) gefangen – oder schützt ihn.

Einerseits wird hier bald Alltag in der Extremsituation gespielt und man sitzt bei Essen oder Spielen wie Activity zusammen, andererseits wechseln Momente des Vertrauens gegenüber Howard mit solchen des Misstrauens, Szenen der Zusammenarbeit mit solchen heimlicher Fluchtvorbereitungen.

Souverän spielt Ben Trachtenberg mit der Verunsicherung des Zuschauers, lässt ihn stets im Ungewissen darüber, was hier wirklich gespielt wird, ob Howard gut oder böse ist, ob dieser Bunker wirklich «Sweet Home» ist wie Aufschriften auf Polster und Wänden verkünden oder Gefängnis, ob draußen Befreiung oder die Hölle wartet. Nie gewinnt der Zuschauer nämlich einen Überblick, weiß auch nicht, was draußen vorgeht, sondern ist immer nur auf dem Wissensstand von Michelle.

In die Irre führt freilich der Titel, denn mit dem Monsterfilm «Cloverfield» (2008) hat dieser von «Star Wars - Das Erwachen der Macht»-Regisseur J. J. Abrams produzierte kleine Thriller nur wenig zu tun, bringt erst am Ende den Titel als Adresse des Bunkers ins Spiel. Vielmehr wie eine Fingerübung und ein Trainingsfeld im Aufbau von Spannung wirkt dieses klaustrophobische Kammerspiel, das von der Ausgangslage her an Lenny Abrahamsons «Room - Raum» erinnert, aber nicht Drama, sondern klassisches Genrekino bieten will.

Schon ein Meisterstückchen ist, wie Trachtenberg hier auf engstem Raum und mit nur drei Personen durch ständige Wendungen an der Spannungskurve dreht und sie nie abflauen lässt. Quer stellt sich «10 Cloverfield Lane» mit seinem Minimalismus zu den spektakulären Effekten des Blockbuster-Kinos, zeigt wie wenig Aufwand nötig ist, um den Zuschauer in Spannung zu halten.

Konsequent und ernst, ohne ironische Brechungen erzählt Trachtenberg seine Geschichte und bricht mit der toughen Protagonistin auch mit Rollenklischees. Vertrauen kann er auch auf starke Darsteller und dabei auch auf das Image von John Goodman, der immer eine gewisse Gutmütigkeit ausstrahlt, die wesentlich hilft, dass die Gefühle des Zuschauers gegenüber diesem Howard bis zum Ende ambivalent bleiben.

Ein knackiger, mit 100 Minuten auch erfreulich kurzer Thriller ist das, der weitgehend ohne Gewalt auskommt, aber dafür auch im Finale noch mit starken und spannungstreibenden Wendungen aufwarten kann und so knapp – und auch offen für eine Fortsetzung – endet, wie er begonnen hat.

Läuft derzeit in den Kinos

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