Mein Ein, mein Alles - Mon roi

29.03.2016 Walter Gasperi

Sie könnten kaum gegensätzlicher sein: Auf der einen Seite die bürgerliche Rechtsanwältin Tony, auf der anderen der Restaurantbesitzer und Partytiger Giorgio. Und doch – oder gerade deswegen? – bricht eine leidenschaftliche Liebe voller Höhenflüge, aber auch heftiger Auseinandersetzungen zwischen ihnen aus. Mit den zwei grandiosen Hauptdarstellern Emmanuelle Bercot und Vincent Cassel zeichnet die Französin Maïwenn ungeschönt und atemberaubend intensiv Freud und Leid dieser amour fou nach.


Mit dem Panorama einer verschneiten Hochgebirgsregion eröffnet die Schauspielerin und Regisseurin Maïwenn ihren vierten Spielfilm. Mit hohem Tempo stürzt sich eine Frau von der Bergstation auf ihren Ski ins Tal, überholt ihren Sohn, bis eine Schwarzblende die Szene beendet.

In einer Reha-Klinik am Meer setzt «Mein Ein, mein Alles» mit der Behandlung von Tonys verletztem Knie neu ein. – Wie mit diesem Auftakt Skiregion und Meer sowie Bewegung und Stillstand aufeinandertreffen, so wird das Aufeinanderprallen von Gegensätzen den ganzen Film bestimmen, wird in die Gegenwart immer wieder die Vergangenheit einbrechen und leidenschaftliche Liebe immer wieder in heftige Auseinandersetzungen übergehen.

Wenig glaubwürdig wirkt zwar das Gespräch mit einer Psychotherapeutin, die nach den psychologischen Gründen des Sturzes fragt, doch wenn die von Emmanuelle Bercot mitreißend gespielte und 2015 in Cannes mit dem Preis als beste Schauspielerin ausgezeichnete Tony sich an den Beginn ihrer Beziehung zum von Vincent Cassel nicht minder authentisch und stark gespielten Restaurantbesitzer Giorgio erinnert, entwickelt «Mein Ein, mein Alles» enorme Intensität.

Schon früher hat sie diesen große Feiern und die Frauen liebenden Mann gesehen, doch damals hat er sie nicht wahrgenommen. Nun aber spricht sie ihn an und sein Interesse an der Frau, die so anders ist als er, ist geweckt. Seine unkonventionelle Art und seine Leidenschaftlichkeit fasziniert sie und reißt sie mit. Er wird entsprechend dem Originaltitel «Mon roi» zu ihrem König und will bald sogar ein Kind mit ihr.

Begeistert folgt er beim Gynäkologen dem Ultraschall vom ungeborenen Kind, doch je näher die Geburt rückt, desto mehr distanziert er sich von Tony, nimmt sich eine eigene Wohnung, um Freiraum zu haben, gibt sich wieder dem Partyleben, Drogen und anderen Frauen hin statt Verantwortung für die eigene kleine Familie zu übernehmen.

Tony kann und will dieses Verhalten nicht akzeptieren, geht selbst auf Distanz, kommt andererseits aber doch nicht von Giorgio los. Während sie das Auf und Ab ihrer Beziehung förmlich zerreißt, viel lieber das Leben als ruhige Linie führen möchte, bezeichnet er in Analogie zum Elektrokardiogramm gerade diese Ausschläge als Inbegriff des Lebens, während die horizontale Linie für ihn den Tod markiert.

Obwohl Maïwenn aus der Perspektive Tonys erzählt und ihr Blick ein eindeutig weiblicher ist, verurteilt sie Giorgio nicht, fällt kein Urteil über richtig oder falsch, sondern überlässt es dem Zuschauer die Protagonisten und ihr Verhalten zu bewerten und macht deutlich, dass dies, wenn Gefühle, die nie kontrollierbar sind und denen man mit der Vernunft nicht beikommen kann, im Spiel sind, alles andere als leicht ist.

Wie schon in ihrem Sozialdrama «Polisse - Poliezei» zieht Maïwenn den Zuschauer mit nah geführter Handkamera unmittelbar in die Leidenschaft und die Schmerzen dieser amour fou hinein. Ganz auf die Beziehung fokussiert die 40-jährige Französin, nie sieht man sie bei der Arbeit oder sonstigen Aktivitäten. Mit großen Ellipsen verdichtet sie die zehn Jahre auf 125 Minuten, bleibt am Alltäglichen statt dramatische Momente groß aufzubauschen.

Am Rand, aber für den Film dennoch wichtig bleiben andere Familienangehörige wie Tonys Bruder (Louis Garrel), der die Beziehung von Anfang an skeptisch, weil nüchterner betrachtet oder Giorgios frühere Geliebte Agnès, an der man erfährt, wie schwer es sein kann über eine gescheiterte Beziehung hinwegzukommen.

Viel Raum wird in diesem hochemotionalen Liebesdrama den großartig harmonierenden Schauspielern gelassen, die ähnlich wie in den Filmen von John Cassavetes improvisieren und sich intensiv aneinander reiben können. Vor allem ein Gartenfest, bei dem Tony zunächst völlig überdreht agiert, bis sie schließlich in Tränen ausbricht, erinnert stark an Cassavetes´ großes Frauendrama «A Woman Under the Influence». Nichts wirkt hier gekünstelt, nie kommt Sentimentalität auf, sondern man glaubt dem Leben zuzusehen.

Immer wieder werden die Rückblenden durch kurze Szenen im Krankenhaus unterbrochen. Überzeugender als die langsame Rückgewinnung des Gehvermögens als recht plumpe Metapher für die Befreiung von der sie schwer belastenden Beziehung ist hier der Kontakt mit jüngeren Patienten, der Tony ihre Lebensfreude wieder finden lässt.

Und dennoch wird sie im Gegensatz zu Giorgio auch am Ende nicht ganz losgekommen sein. Denn während er sie bei einem Gespräch mit den Lehrerin des Sohnes kaum beachten wird, wird ihr Blick – und der Blick der Kamera – an seinem Gesicht, an seinem Hals, an seinen Ohren förmlich kleben: Mag der Kopf auch Nein sagen, das Herz kommt deshalb noch lange nicht los, auch wenn der Nachspann ebenso einfach wie eindrücklich visualisiert, wie das, was als mächtiges Ein und Alles beginnt, sich langsam im Nichts auflösen kann.

Läuft derzeit im Cinema Dornbirn (Detusche Fassung) und ab 1. April in den Schweizer Kinos

Trailer zu «Mein Ein, mein Alles»

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