Patricia Highsmith und die Schildkröte

21.03.2016 Kurt Bracharz

In ihrem 1985 im Zürcher Diogenes Verlag erschienen Buch «Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt» erzählte Patricia Highsmith, wie sie auf das Motiv einer ihrer Kurzgeschichten gestoßen ist: «Dann blätterte ich eines Abends bei Freunden in einem Kochbuch und fand ein gräßliches Rezept für Schildkröten-Ragout. Das Rezept für Schildkrötensuppe war kaum weniger scheußlich, nur mußte man hier wenigstens warten, bis die Schildkröte den Kopf vorstreckte, den man dann mit einem scharfen Messer abtrennte. Leser, die der Meinung sind, daß Thriller allmählich öde werden, könnten vielleicht mal in einem Kochbuch die Seiten durchsehen, die sich mit unseren gefiederten Freunden und Schalentieren befassen. Eine Hausfrau muß schon ein Herz aus Stein haben, wenn sie die Rezepte lesen und womöglich noch ausführen will. Hier wurde die Schildkröte, die man töten wollte, bei lebendigem Leibe gekocht. Das Wort »töten" wurde nicht genannt, und das war auch nicht nötig, denn wer oder was konnte kochendes Wasser überleben?


Sobald ich das gelesen hatte, kam mir die Geschichte mit dem drangsalierten kleinen Jungen wieder in den Sinn. Ich wollte eine Schildkröte als Angelpunkt der Story nehmen: die Mutter hatte die Schildkröte zum Kochen mitgebracht – eine Schildkröte, von der der Junge zunächst glaubt, sie sei für ihn zum Spielen bestimmt. Der Junge erzählt einem Schulfreund von der Schildkröte, er versucht damit sein Prestige zu heben und verspricht, sie ihm zu zeigen. Dann muß der Junge erleben, wie die Schildkröte in kochendem Wasser umgebracht wird, und die ganze aufgestaute Bitterkeit, der schwelende Haß auf die Mutter kommen zum Ausbruch. Mitten in der Nacht tötet er die Mutter mit dem Küchenmesser, das sie zum Tranchieren der Schildkröte benutzt hatte.«

Highsmith erwähnt nicht, in welchem Kochbuch sie geblättert hatte, aber Louise Fialas »Die moderne Wiener Küche« wird es wohl nicht gewesen sein, denn dann wäre die Kurzgeschichte sicher noch grausamer ausgefallen. Fialas Schildkrötenrezept geht nämlich folgendermaßen:
»Schildkröten, abgekocht. Man legt der Schildkröte eine glühende Eisenplatte auf den Rücken, wobei sie dann die Füße und den Kopf zum Vorscheine bringt; diese hackt man sogleich ab. Nun wird die Schildkröte öfters in lauwarmes Wasser gegeben, um das Blut völlig abzusondern, wonach man sie mit kaltem Wasser zustellt, salzt und eine Stunde kochen lässt. Ist sie abgekocht, so wird die Schale samt der Haut abgelöst, die Galle aus der Leber, sowie das Eingeweide behutsam ausgenommen und das Fleisch in vier Teile zerschnitten. Hat man dann in einer Casserolle Zwiebel, Wurzelwerk und Champignons in Butter etwas anpassirt, mit der aufgekochten Schildkrötensuppe aufgegossen und aufgekocht, so wird diese abgeseiht, mit einer Butter-Sauce abgerührt und mit etwas Muskatnuß noch einmal aufgekocht. Die Sauce wird dann über die zertheilte Schildkröte gegossen.«

Mit den Schildkröten alter bürgerlicher Kochbücher waren nicht die großen maritimen Suppenschildkröten gemeint, sondern die damals auch in Deutschland recht verbreiteten kleinen Teichschildkröten, die im frühen 19. Jahrhundert sogar eine Zeitlang ein preußischer Exportartikel waren.

Fialas Kochbuch wird übrigens im Internet immer nur mit der ungefähren Angabe »um 1900« datiert, mein antiquarisches Exemplar der 6. Auflage weist eine handschriftliche Eintragung auf, dass es am 7. 9. 1898 erworben wurde. Fiala schreibt im Vorwort, dass alle vorigen Auflagen (die ersten vier in Höhe von 12.000) »in so kurzer Zeit vergriffen waren«. Auch steht noch »Louise« auf dem Titel (später offenbar »Luise«).

Für die Abbildung habe ich auf den Mockturtle aus »Alice im Wunderland" zurückgegriffen, dessen Kalbskopf darauf verweist, wodurch in der Falschen Schildkrötensuppe das Schildkrötenfleisch ersetzt wurde.


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