Töten aus Angst vor dem Tod

20.03.2016 Haimo L. Handl

Töten als Kulturleistung. Ich denke dabei weniger an das Tagesgeschäft der Politik oder das sportive Wettkämpfen mittels tödlichen Attentaten usw., als vielmehr an eine Verhaltensweise, die sich im Kulturellen und Künstlerischen zeigt, deren Kern oder Boden aber eine Angst vor dem Veränderlichen, dem Lebendigen ist, weshalb das einmal fixierte, gefasste, «vollendete» Werk als Kunstwerk mehr geschätzt wird als das lebendige Vorbild.


Man könnte auch simpel als Beispiel diejenige Person anführen, die Abbilder oder Videos anderer Personen mehr schätzt, nicht nur pornografische, als die Person in Natura, weil das Bild gleich bleibt, unveränderlich, sich wirklich besitzen lässt, Teil einer Sammlung werden kann, über die nur der Sammler, der Herr, verfügt, Gewalt hat.

Das Leben ängstigt, denn es ist vergänglich. Was viele Todesangst nennen, die einen oder eine heimsuchen kann, ist meist Lebensangst, maskiert als Angst vor dem Tod. Friedrich der Große litt, bevor er der Große geworden war, schreckliche Qualen durch seinen Vater, eine emotional zutiefst gestörte Person, Formalien und Regeln verpflichtet, die keine Abweichung erlaubten, jede «Menschlichkeit» als Schwäche verboten. Friedrich war trainiert worden, wie ein Tier, und hat, nicht nur um zu überleben, sondern auch zu erstarken, sich schließlich in die ihm zugedachte Rolle gefunden. Er wurde Preußens Führer und Vorbild. Einen der persönlichen Preise, die er dafür zahlte war eine gewisse spezifische Beziehungsunfähigkeit und Kälte. In seiner erkalteten Welt konnte er Mitmenschen fast keine tiefe, nahe, intime Rolle zugestehen. Die Freundschaft mit Voltaire war über das philosophische Parlieren eine Weile möglich, dann holte ihn die Wirklichkeit ein mit ihrem Regelwerk, in das er sich gefunden hatte.

Das Schloss Sanssouci illustriert diese Weltanschauung. Unter anderem durch den Skulpturenpark. Wenn wir uns vorstellen, dass der König, einsam grantelnd seine Hand zärtlich über die blanken Rundungen der meisterhaften Marmorstatuen gleiten lässt, als einen echten menschlichen Körper lustvoll zu erkunden, dass die unveränderliche Schönheit der steinernen Wesen ihn mehr zu rühren vermochte, als die weniger vollkommenen, weil alternden Menschen, dann gewinnen wir eine Ahnung von der Angst und der danach orientierten Werte.

Diese Angst beherrscht auch die Kulturen unserer heutigen Gesellschaften in weiten Teilen. Der Prozess der Entkörperlichung wird heute, bei uns zumindest, nicht von Kirchenvertretern verfochten, die immer noch an einer Körper- und Lustfeindlichkeit leiden, sondern von der höchstentwickelten Technik, die einerseits Distanzen kappt, wie kein Medium zuvor, andererseits die Verfügbarkeit über Daten offeriert, wie es vor kurzem undenkbar war, aber dies alles um den Preis der Virtualität. Und die Virtualität ist auch eine Form der Lebensangst, der Furcht vor Kontrollverlust, weshalb so viel wie möglich in Zeichen umgewandelt werden muss, damit die allumfassende Datenoperation die Herrschaft und Kontrolle gewährleistet bleibt. Das Persönliche, das Ureigenste, das Unvollkommene, das «Menschliche» wird modern geopfert dem Instrumentalisierten, Hergerichteten, dem Abbild, dem Datensatz als Beitrag zur Verfügbarkeit. Ein eigentümlicher Triumph der Technik.

Wir töten also nicht nur in Schlachthäusern oder in Kriegen und durch politische Maßnahmen oder in der Wirtschaft und Wissenschaft. Es gibt ein Töten als Abtöten, Einengen, Festlegen, Reduzieren: rollengerechtes Verhalten in der Brave New World.

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