Room - Raum

22.03.2016 Walter Gasperi

Ein neun Quadratmeter großer Raum sind für die vor sieben Jahren entführte Joy und ihren inzwischen fünfjährigen Sohn Jack die Welt. Doch dann gelingt ihnen doch die Flucht aus dem hermetisch abgeriegelten Schutzraum. – Kein reißerisches Entführungsdrama, sondern ein leiser, ungemein feinfühlig inszenierter und herausragender gespielter, zutiefst menschlicher Film von enormer Intensität.


Mit kleinen Filmen über Außenseiter wie «Garage» (2007) und «Frank» (2014) verschaffte sich der Ire Lenny Abrahamson bei Insidern einen Namen. Mit 50 gelang ihm nun mit der Verfilmung von Emma Donoghues Bestseller «Raum» der große Durchbruch, ohne dass er dabei Kompromisse eingegangen wäre. Denn wie seine früheren Filme zeichnet auch diesen die Nähe zu den Protagonisten und ein genauer, von tiefer Empathie getragener Blick aus und wie bei seinen früheren Filmen stehen auch hier ganz besondere Menschen im Mittelpunkt.

Roman und Film sind zwar an den Fall Fritzl angelehnt, doch geht es nicht um Nachzeichnung der Fakten, nicht um eine wahre Geschichte, die auch nicht in Inserts behauptet wird, sondern Abrahamson entwickelt daraus einen wohl gerade durch die Fiktionalisierung, die einen dramaturgisch perfekten, straffen Aufbau und Freiheiten bei der Figurenzeichnung ermöglicht, zutiefst bewegenden Film.

Auf neun Quadratmeter beschränkt ist die Welt der 24jährigen Joy (Brie Larson) und ihres Sohnes Jack (Jacob Tremblay), der gerade den fünften Geburtstag feiert. Vor sieben Jahre wurde sie entführt und seither wird sie in einem Schutzraum gefangen gehalten. Jeden Abend erhält sie Besuch vom Entführer und wird von ihm vergewaltigt. Auch Jack entstammt so einer Vergewaltigung.

All dies erfährt der Zuschauer erst langsam im Lauf des Films. Er wird förmlich hineingeworfen in diesen Raum, dessen klaustrophobische Enge das Cinemascope-Format noch verstärkt. Mit den Augen von Jack, an dessen Gesicht die Kamera immer ganz nah dran ist, erlebt er den Alltag in der Kammer, in der die Mutter ihrem Sohn als Überlebensstrategie gleichwohl Normalität vorspielt und den Raum zur Welt und sämtliche Fernsehbilder zur Illusion erklärt.

Keine Rückblenden sind hier nötig, ganz im Hier und Jetzt bleibt Abrahamson, inszeniert zurückhaltend, gibt dem Entführer praktisch kein Gesicht, beschränkt sich bei den Vergewaltigungen auf Geräusche des Betts, während die Kamera auf das Gesicht des in einem Schrank schlafenden Jack blickt. Jetzt aber glaubt Joy, dass Jack alt genug ist, um die Wahrheit zu erfahren – und auch alt genug, um ihr bei der Flucht zu helfen.

In meisterhaftem Rhythmus wechseln in der ersten Stunde des Films, in der der Film durchgängig in diesem einen Raum bleibt, fließend Momente der Stille und Dialog, Musik und Voice-over von Jack. Großes Gespür für die Situation beweist Abrahamson, dramatisiert nicht, aber erzeugt unterstützt von den zwei fantastischen Hauptdarstellern Brie Larson, die für ihre Leistung mit dem Oscar als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde, und Jacob Tremblay, die großartig harmonieren, ungeheure Dichte und Spannung.

Diese steigert er noch bei der Flucht und lässt gleichzeitig den Zuschauer mit Jack mit dem Ausbruch aus der Enge die Vielfalt und die Schönheiten der Welt (neu) entdecken. Doch Abrahamson erzählt alles andere als eine ungebrochene Befreiungsgeschichte, denn er macht auch in der zweiten Hälfte deutlich, vor welche neuen Herausforderung das Leben nun Mutter und Sohn stellt und wie das Trauma der jahrelangen Gefangenschaft bei der Mutter nun langsam durchbricht.

Da erlebt Jack gewissermaßen eine schwierige zweite Geburt, wenn er im Alter von fünf in eine für ihn ganz neue - beängstigend vielfältige und weite - Welt geworfen wird, die er erst entdecken muss. Doch er muss nicht nur – für jeden Menschen einfachste Dinge – wie das Treppensteigen erst lernen, sondern er muss auch lernen sich von der Mutter, die bislang seine einzige Bezugsperson war, zu lösen, muss lernen auf andere Menschen zuzugehen, mit ihnen zu sprechen und mit Gleichaltrigen zu spielen.

Kaum einen größeren Gegensatz kann es auch geben als den zwischen der Abgeschlossenheit des Raumes und der Öffentlichkeit die nun hinter Mutter und Kind her ist und daraus eine Geschichte machen will. Aber auch die Familie ist hier kein heiler Rückzugsort, denn die Ehe von Joys Eltern ist offensichtlich nach und durch die Entführung der Tochter zerbrochen.

Weil Vorwürfe und Schuldgefühle in der Luft liegen und beispielsweise Jack als Sohn des Entführers von Joys Vater ganz offen abgelehnt wird, wird im Wohnzimmer und am Essenstisch mehr quälend geschwiegen als miteinander gesprochen. Hat zuvor wohl nicht zuletzt die Sorge um Jack Joy am Leben gehalten, so droht sie nun gerade in der Freiheit zu zerbrechen. Nach der äußeren Befreiung muss speziell die Mutter erst die innere von den traumatischen sieben Jahren finden.

Die enorme Dichte der ersten Hälfte kann «Raum» in diesem zweiten Teil wohl auch aufgrund der Weitung des Raums und der Figuren zwar nicht ganz halten, bis zum Ende hochspannend bleibt dieser zutiefst menschliche Film dank der differenzierten Schilderung und des Verzichts auf ein simples Happy-End dennoch. Wirklich gewonnen ist hier am Ende nichts, aber wenn die Kamera nach der bewussten Konfrontation mit und Verabschiedung von der Vergangenheit in der letzten Einstellung in die Höhe fährt und Joy und Jack viel Raum lässt, wenn sie sich vom Garten ihres Peinigers entfernen, - und so am Ende auch ein markanter Gegenpol zur Enge des Beginns steht – ist dies auf jeden Fall ein offener und zumindest vorsichtig und unsicher befreiter Blick in die Zukunft.

Läuft derzeit in den Kinos

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