Diagonale 2016: Macht der Bilder, Macht des Geldes

14.03.2016 Walter Gasperi

08.03.2016 bis 13.03.2016  

Das herausragende Meisterwerk gab es bei der heurigen Diagonale in Graz wohl nicht zu entdecken, aber an inhaltlich und formal spannenden Filmen, die wieder eindrücklich die Vitalität und Vielfalt des österreichischen Films vermittelten, fehlte es nicht.


Um die Macht der Bilder und über die Bilder geht es in «Los Feliz» des Linzer Künstlers und Filmemachers Edgar Honetschläger. Lustvoll spielt Honetschläger in diesem ungewöhnlichen Roadmovie mit Filmgenres und klassischen Filmszenen, Filmmotiven und –mustern, wenn drei Kardinäle ein seltsames Trio auf eine Reise quer durch die USA schicken, um den Primat der katholischen Kirche über die Bilder gegenüber dem aufstrebendem China zu sichern.

Von den Gemälden in den Vatikanischen Museen zur Bildermaschine Hollywood, die mit ihren Filmen christliche Bilder weltweit verbreitete, führt so der Weg. Durchaus real ist dabei zwar noch die Fahrt der jungen Französin Lydia und einer japanischen Shinto-Göttin im dunkelblauen Mercedes Benz aus den 1950er Jahren, der Honetschläger selbst gehört, durch Rom und unübersehbar wird dabei nicht nur durch die Musik auch Hitchcocks «Vertigo» zitiert.

Doch nachdem der Oldtimer auf einer Wiese an der Via Appia zum Stehen gekommen ist, wird er sich nicht mehr bewegen. Bewegen wird sich dafür die Landschaft hinter dem Wagen – oder zumindest die auf Leinwand gemalten Tuschezeichnungen der Skyline New Yorks über Wüsten- und Gebirgslandschaften bis zu Motel und Diner, die die drei Kardinäle mittels Kurbel vorbeiziehen lassen.

Gespielt wird dabei auch mit der Dimension des Raums, wenn eine Wand nur gemalt, aber ein Spiegel real ist oder vor einer gemalten Fassade ein Swimmingpool wiederum real ist. Auch diese Leinwand aufschneiden lässt Honetschläger das Trio und die Kardinäle liefern sich mit ihrem Ruf «Monotheismus» einen Kampf mit den Chinesen, die das «Monopol» fordern.

Nur in der Traumwelt Hollywoods kann dieser gleichermaßen absurde wie tiefsinnige, in seiner Verspieltheit wunderbar leichte und mit viel Liebe zum Detail gedrehte Film enden. Dort landet Lydia dann auch in der Märchenwelt des «Wizard of Oz» und wird von einer Doppelgängerin begrüßt, die Judy Garlands berühmtes blau-weiß-kariertes Kleid aus diesem Klassiker trägt.

Um die Produktion von Bildern geht es in gewissem Sinne auch in Barbara Eders «Thank You For Bombing». In drei voneinander unabhängigen Episoden, die nur am Ende unnötig und wenig überzeugend verknüpft werden, folgt Eder drei Kriegsberichterstattern, zeigt wie die Ereignisse sie prägen und nachwirken, aber auch wie sie durch ihre Arbeit völlig abstumpfen und in der Gier nach Ruhm alle Grenzen überschreiten.

Stark und dicht ist die erste Episode über einen österreichischen Kriegsberichterstatter, der am Wiener Flughafen einen Kriegsverbrecher aus dem Bosnien-Krieg wiederzuerkennen glaubt. Hautnah folgt die unruhige Handkamera dem von Erwin Steinhauer eindringlich gespielten gut 50-jährigen Mann, bei dem man aber bald nicht mehr ausschließen kann, dass der Verdacht einer Paranoia aufgrund der schweren Traumatisierung durch die 20 Jahre zurück liegenden Ereignisse entspringt.

Durchaus spannend ist auch, wie in Details in der zweiten Episode die Kultur westlicher Kriegsberichterstatterinnen mit dem Leben in der afghanischen Hauptstadt Kabul kontrastiert wird, doch platt ist hier das Finale, in dem sich die Reporterin von Soldaten demütigen lässt, um mit einer Story berühmt zu werden.

Und noch mehr aus dem Ruder läuft die dritte Episode, in deren Mittelpunkt ein Reporter steht, der nicht nur auf die Kriegsereignisse nur noch zynisch reagiert, sondern auch im privaten Leben durch die Erfahrungen völlig abgestumpft ist.

Welche Macht Bilder entwickeln können, macht dagegen Peter Brunner in «Jeder der fällt hat Flügel» erfahrbar. Fragmentarisch und nicht chronologisch erzählt Brunner vom Teenager Kathi und ihrer Großmutter, die ahnt, dass sie bald sterben wird.

Offen bleibt, ob der ganze Film nur Erinnerung Kathis ist und diese Oma schon am Anfang tot ist, oder ob sich in den Aufenthalt Kathis im idyllisch in wild wuchernder Natur gelegenen Haus der Großmutter Ahnungen dieses Todes mischen.

Denn immer wieder brechen in diesen Sommeraufenthalt alptraumhafte, in desaturierten Farben gehaltene Bilder von einem Schweinestall oder Videobilder von einer Beerdigung ein, während sich auf der Musikebene Robert Schumanns Heine-Vertonung «Ich habe im Traum geweinet, ich träumte du lägest im Grabe» leitmotivisch durch den Film zieht.

Einer einfachen Erklärung entzieht sich dieser Film, lässt Fragen offen, wirkt aber mit seinen starken Bildern und seinem Sounddesign nach, beunruhigt und verunsichert wie nur wenige andere Filme der heurigen Diagonale.

Eine kühle Modellanordnung legt dagegen Daniel Hoesl mit «WinWin» vor. Über den Wolken beginnt diese trockene Satire und göttergleich kommen vier Manager von dort oben mit ihren «Segnungen» auf Wien herunter, werden am Ende auch wieder dorthin entschwinden. Mit entschlossenem Schritt gehen sie in Zeitlupe direkt auf die Kamera zu: Nichts scheint sie von ihrem Vorhaben abhalten zu können.

In Großaufnahmen vor neutralem weißem Hintergrund reiht Hoesl ihre Statements zu einer Firmensanierung ebenso wie die Vorstellungen des Inhabers des Traditionsunternehmens aneinander. Keine Kommunikation scheint hier statt zu finden, erst in der nächsten Szene sieht man sie zusammen an einem Sitzungstisch.

Geld öffnet den Investoren die Türen, bald ersetzen sie die Mitglieder des Aufsichtsrats durch Obdachlose, gewinnen die Ministerin mit Geschenken und mischen auch im Kunstgeschäft mit. Angst vor polizeilichen Ermittlungen müssen sie kaum haben, denn die gesamte Buchhaltung befindet sich anderswo, die angemieteten Räumlichkeiten stehen leer: Hier spielt man nur Squash oder dreht mit dem Segway Runden um überdimensionierte Golfbälle.

So kalt diese Manager agieren, so kalt ist die Inszenierung Hoesls. Keine emotionale Involvierung ist hier möglich, auf Distanz gehalten wird der Zuschauer, doch im unerbittlich sezierenden und treffenden Blick entwickelt diese Abrechnung mit dem Kapitalismus satirische Schärfe.

Von der Gegenwart aus einen beunruhigenden Blick in die Zukunft ermöglicht dagegen Maria Arlamovskys Dokumentarfilm «Future Baby». Ausgehend von der Frage, wie weit wir medizinisch-technisch beim Zeugen von Kindern gehen wollen, brach die Regisseurin zu einer Recherche quer durch die westliche Welt auf, um den gegenwärtigen Stand der Dinge und Zukunftsperspektiven zu erkunden.

Arlamovsky selbst stellt nur wenige Zwischenfragen, enthält sich jedes Kommentars und überlässt den Interviewpartnern den Raum. Mediziner kommen ebenso zu Wort wie Bioethiker, Eltern mit unerfülltem Kinderwunsch genauso wie ein Teenager, dessen Vater ein unbekannter Samenspender ist, oder mexikanische Leihmütter.

Konventionell ist dieser Film in der Dominanz von Interviews zweifellos, aber in seiner sorgfältigen und differenzierten Aufarbeitung des Themas, in der Beleuchtung unterschiedlichster Aspekte ist «Future Baby» gleichermaßen spannend wie informativ und regt zum Nachdenken an.

Die Hauptpreise der heurigen Diagonale gingen aber an andere Filme. Mit dem mit 21.0000 Euro dotierten Großen Preis des Landes Steiermark wurde im Bereich Spielfilm «Die Geträumten» ausgezeichnet, in dem Ruth Beckermann den Briefwechsel zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann nachzeichnet. Der Dokumentarfilmpreis wiederum ging an Sigmund Steiners «Holz Erde Fleisch». – Die Jurybegründungen und eine Liste aller Preisträger finden Sie im Anhang.

weiterführende Links:

Filmpreise Diagonale 2016

  • Los Feliz; © Edoko Institute Film Production
  • Thank You for Bombing; © Filmladen: Lotus-Film
  • Jeder der fällt hat Flügel; © Cataract Vision
  • Winwin; © Gerald Kerkletz/ Wunschbild V Produktion
  • Future Baby; © NGF

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