Ein falscher Klassiker

07.03.2016 Kurt Bracharz

Seit vielen Jahren benütze ich einen der vier Mal täglich verkehrenden Züge von München nach Zürich und umgekehrt, wenn ich von Bregenz aus in eine dieser beiden Städte fahre. Ein Grund dafür war früher, dass der Zug nach München nur in Lindau, Memmingen und Buchloe hielt, und der nach Zürich nur in St. Margrethen, St. Gallen, Winterthur und am Flughafen, weshalb beide die jeweils schnellsten Zugsverbindungen waren. (Neuerdings halten die Züge auch in Gossau und Wil.) Ein anderer Grund ist immer noch der traditionelle Speisewagen mit solchen Details wie ordentlichen Gläsern und weißen Tischtüchern, den ich weitaus angenehmer finde als etwa die Bistrowagen des RailJets oder der Deutschen Bundesbahn.


In diesem Schweizer Speisewagen wird jetzt heißer Fleischkäse mit Kartoffelsalat als «Der Klassiker» beworben. Seltsam scheint mir diese Formulierung, weil ich mich nicht erinnern kann, dass dieses Gericht jemals in diesen Zügen auf der Karte gestanden wäre. Es gab einst zwar schon so etwas wie einen Schweizer Klassiker, nämlich einen sehr guten Wurstsalat aus Cervelat mit einer ganz normalen Vinaigrette und einigen Scheiben Ruchbrot. Das ist aber schon viele Jahre her, denn 2005 notierte ich mir, dass ich mich gefreut hatte, nach langer Zeit wieder einen Wurstsalat auf der Karte zu finden, und dann enttäuscht feststellen musste, dass er aus Extrawurst zubereitet worden war und das Brot dazu nicht mehr besonders gut schmeckte. Kein Vergleich mit dem Balleronsalat der «Kronenhalle», den sein Vorgänger durchaus ausgehalten hätte!

Später beriefen sich die SBB auf Spitzenköche, die für sie spezielle Menüs kreierten, ich erinnere mich zum Beispiel an Linsen mit Gnagi von Philipp Rochat, aber auch an eine anonyme Kalbsbratwurst mit Zwiebelsauce, Bami Goreng, Couscous oder eine Berner Platte von derselben Speisekarte. Heute ist die Karte noch exotischer und ein wenig gesichtslos geworden, es gibt Chili con carne, Currywurst und Thai Poulet Curry, Pasta mit Sauce bolognese oder an Gemüsesauce mit Feta, Tom Kha Gai und Taboulé, Pouletbrust Saltimbocca und Ravioli Caprese (was auch immer das sein mag). So richtig schweizerisch sind eigentlich nur noch das Kalbsgeschnetzelte Zürcher Art, das Birchermüesli, der Bündnerteller und der (übrigens recht gute) Käseteller. Und jetzt vielleicht der Fleischkäse mit Kartoffelsalat, der aber doch eher wie eine Konzession an den bayerischen Teil der Strecke anmutet, dort ist der Leberkäs zuhause.

Patriotisch sind die SBB beim Wein geblieben, da gibt es Genfer Pinot Blanc, Féchy aus dem Waadt, Merlot aus dem Tessin und Maienfelder Pinot Noir aus Graubünden und aus dem Wallis. Auch zwei wirkliche regionale Spezialitäten stehen auf der Karte: Petite Arvine und Cornalin von Cordonier & Lamon, Flanthey. Die Preise sind 9,90 Franken für die Weine in den 0,25-l-Flaschen und 25,90 Franken bei den drei 0,375-l-Flaschen (Maienfelder, Petite Arvine und Cornalin). Bouteillen gibt’s keine, vielleicht macht man sich Gedanken über die Leber des Gastes, oder 50 Franken pro Flasche würden sich auf der Karte nicht so gut ausmachen.
Der Leberkäs kommt übrigens auch auf 15,90 Stutz.


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