Türkenterror

06.03.2016 Haimo L. Handl

Die EU, nach Hauptbetreiben durch Deutschland, die geläuterte Musterdemokratie mit vorbildhafter Willkommenskultur, packelt mit einem Mörderstaat, der islamofaschistischen Türkei, dessen Führer als unabdingbarer Partner (ja, Partner!) zur Bewältigung der Flüchtlingskrise ausersehen ist, wofür die Union gern oder ungern mehrere Milliarden Euros als Judaspreis bezahlt.


Nachdem man die realpolitische Etikettierung der PKK als Terroristenorganisation seitens der Türken und der USA, Haupt- und Lenkmacht der NATO, kritiklos, weil realpolitisch, übernommen hat, haben auch die meisten «embedded mass media», also gleichgeschaltenen, obsorgten und obsorgenden Medien relativ oder absolut unkritisch über die Vernichtungsfeldzüge der Türken gegen Kurden (nicht nur in militärische Stellungen im Irak und in Syrien, sondern auch deren Dörfer auf türkischem Staatsgebiet) «berichtet». Das Bombardieren war weit weg und gerechtfertigt als Teil des Antiterrorkrieges. Die Zivilisten, die draufgingen, lieferten keine herzrührenden Fotos, wie tote Kinder am Strand, der für die Touristen wieder «gereinigt» werden musste, weshalb man in Europa sich nicht rühren lässt von dieser Art Kollateralschäden.

Die Propaganda der EU intensivierte sich mit heftiger Unterstützung der sich prostituierenden Medien und schwatze von Frieden, den nicht die Türkei oder die USA oder Saudi Arabien gefährdeten, sondern der böse Putin mit seiner Unterstützung des Assad-Regimes. Der Türkei wurde als Belohnung für ihren mustergültigen Beistand nicht nur Geld geboten, sondern auch Visaerleichterungen, damit noch mehr nationalistische, chauvinistische Islamisten in die Union reisen können, um die dort lebenden Türken, die einen ungeheuer aufwändigen, tapferen Kampf in den Ländern der Ungläubigen kämpfen, zu unterstützen. Alles im Interesse der EU, des Friedens, der Freude und der moslemisch-christlichen Eierkuchen.

Die Attentate, die Bombardierungen von Kurdendörfern wurden also hingenommen. Die waren nicht nur weit weg, sondern auch Menschen zweiter Klasse bzw. eben Terroristen. Aber dann wurde die Sprache nicht nur plakativ deutlicher, der sich der Türkenführer, der Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, seit langem bedient, deren Untertöne aber geflissentlich überhört wurden. Er drohte nun nicht nur Kritikern, er ließ nicht nur verhaften und von willfährigen Gerichten aburteilen, er denunzierte eine Verfassungsgerichtshofentscheidung als unannehmbar, wobei er sofort betonte, dass ihn die Verfassung und ihr Gericht keinen Deut schere, denn nicht er und seine Politik seien falsch, sondern der Verfassungsgerichtshof.

Aber nicht genug damit. Jetzt stürmte seine Polizei nach einer Order eines seiner Staatsanwälte die größte regierungskritische Zeitung, Zaman, und spülte mit Wasserwerfen und Tränengas Demonstranten weg bzw. verhaftete X davon als Staatsfeinde. Die türkische Regierung geht jetzt offener gegen Türken vor, gegen falsche Türken, westlich verbildete.

Die türkischen Folterkeller sind voll, die Folterer haben Hochsaison im Urlaubsland Türkei. Wird die Union, vertraglich dem Mörderregime verpflichtet, türkische Flüchtlinge zurückführen, um den Führer nicht zu reizen? Wird sie unterscheiden zwischen Flüchtlingen aus Kriegsgebieten und Türken, die aus einem sicheren Beitrittskandidatenland stammen, auch wenn sie dort der Gefahr an Leib und Leben ausgesetzt sind, weil nicht regierungskonform? Wie wird die starke nationalistische Türkengemeinde in europäischen Staaten reagieren? Geht die Jagd gegen Verräter denn in der Europäischen Union weiter, geschützt durch Verträge der Türkei mit der EU? Zu wessen Büttel lässt sich die EU machen? Reicht die Unterwerfung unter das US-Regime nicht?

Europa wird erpresst, weil es sich erpressen lässt. Mit einer braunen Bagage geht man keinen Pakt ein. Mit Mördern macht man keinen Frieden. Mit Islamofaschisten löst man keine Flüchtlingskrise! Die ganze Verlogenheit der europäischen Flüchtlings- und Außenpolitik wird just kurz vor dem ersehnten Besuch der türkischen Unterhändler drastisch unter Beweis gestellt. Jetzt kann man, trotz Propaganda und Werbung, nicht mehr nur von Syrien und Flüchtlingen reden, auch wenn dem Erweiterungskommissar Hahn der Atem nicht stockt, wenn er nach wie vor, oder jetzt erst recht, die Türkei als Partner lobt. Die Türkei ist bereits in einem Bürgerkrieg, der sich ausweiten wird. Was, wenn die Touristen vermehrt ausbleiben?

Die EU verhält sich wie die Appeasement-Politiker damals gegenüber Hitler. Sie kriecht aus Feigheit und Verantwortungslosigkeit. Sie redet von Frieden, Menschenwürde und was noch allem, verweigert aber eine gemeinsame, taugliche, europäische Politik.

Ironie am Rande: Just der griechische Regionalgouverneur Apostolos Tzitzikostas untermauerte seine Forderung nach sofortiger Grenzöffnung (sollen doch andere die Sauarbeit leisten!) mit dem Aufruf an die EU, «gegen die Länder, die Grenzen schließen, harte Maßnahmen zu ergreifen. Diese müssten durchgesetzt werden, unabhängig davon, ob sie EU-Mitglieder oder Beitrittskandidaten seien, sagte er.» (DIE WELT, 5.2.2016)

Ein Vertreter eines Landes, das nur durch enorme Milliardenzahlungen vor dem totalen Bankrott gerettet wurde, das sich durch Betrug mit falschen Zahlen in die Union gekauft hat, das keine taugliche Finanzverwaltung hat, seine Milliardäre und Millionäre schützt, hoch korrupt auf Pump lebt, meint, die Union erpressen zu können. Neben dem moslemischen Erpresser Erdogan nun die Griechen als christliche Erpresser. Die Maßnahmen müssten auch bei Beitrittskandidaten durchgesetzt werden, mein der griechische Politiker. Die EU also in einem Krieg gegen Mazedonien oder Serbien oder wie oder was? Nur, damit die Griechen, unfähig die Schengen-Außengrenze zu kontrollieren, entlastet werden. So eine Erpresserpolitik soll annehmbare Lösungen bringen?

Dazu passt, dass die Kritiker Österreichs und der Balkanländer, die ihre Grenzen jüngst strenger kontrollieren, auf eine europäische Gesamtlösung verweisen, die aber nicht existiert. Soll man die Tage aufzählen, an denen so eine gemeinsame Lösung beschworen wurde, aber nichts Konkretes folgte? Soll man die Bilder wieder ansehen, von den ganz wenigen Flüchtlingen, die telegen ein Flugzeug in die Union besteigen durften? Nicht einmal ein Promille der ausgehandelten Verteilungsmenge von 200.000 Flüchtlingen wurden verteilt! Das muss man jenen, die von der nichtexistenten Europaflüchtlingslösung quasseln, entgegenhalten.

Man muss die Briten herauskehren, die egoistisch, unverantwortlich, nationalistisch als Inselreich sich Europa verweigern, man muss die Visegrádstaaten ins Licht tauchen, die, im Verein mit den europafeindlichen Briten, mauern und bunkern. Und dann können wir uns den Iren, Spaniern, Portugiesen, Italienern, Schweden und Dänen zuwenden oder den Deutschen und Österreichern, den Slowenen und Rumänen und Bulgaren. In unterschiedlichem Ausmaß haben sie mitgewirkt, dass die Union in der Flüchtlingspolitik versagte.

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