Das Tagebuch der Anne Frank

15.03.2016 Walter Gasperi

Zur Weltliteratur gehört das Tagebuch des jüdischen Mädchens Anne Frank, in dem sie über die zwei Jahre berichtet, die sie sich mit ihrer Familie während des Zweiten Weltkriegs in einem Amsterdamer Hinterhaus versteckte. Stark ist Lea van Acken in der Hauptrolle, solide Hans Steinbichlers Inszenierung, verlässt sich aber zu sehr auf penibles Reenactment.


Schon 1959 verfilmte George Stevens «Das Tagebuch der Anne Frank» fürs Kino, mehrere Fernsehfilme und eine Mini-Serie folgten. Erstmals hat nun ein deutscher Regisseur die Aufzeichnungen verfilmt, die Anne Frank von ihrem 13. Geburtstag am 12. Juni 1942 bis zu ihrer Deportation am 1. August 1944 in ihr rot-weiß kariertes Tagebuch machte.

Die Ich-Perspektive kann ein Film kaum übernehmen, immer blickt die Kamera von außen auf die Figuren, macht so auch Anne zu einer – wenn auch zur zentralen – von mehreren. Eingeschworen wird man auf die Protagonistin aber schon, wenn der Film mit einer Bombennacht 1944 beginnt und die Kamera langsam auf Anne zufährt, während sie laut über den Krieg und ein Leben danach sinniert und hinter dem verhängten Fenster die Nacht von Bränden erhellt ist.

Von diesem Ausgangspunkt springt Steinbichler zurück zu einem Urlaub im schweizerischen Sils-Maria, beschwört das familiäre Glück und Ausgelassenheit, bringt aber auch die Gefahr durch die Nazis ins Spiel, vor denen die Franks von Frankfurt am Main nach Amsterdam flüchten.

Mit einem Schnitt werden sieben Jahre übersprungen, nur kurz werden die sich steigernden Repressionen durch die Nazis, die die Niederlande inzwischen besetzt haben, geschildert.

Als Annes Schwester Margot sich für den «Arbeitsdienst» melden soll, entzieht sich die Familie dieser Aufforderung, indem sie sich im Hinterhaus der Firma Opekta, die Annes Vater leitete, versteckt. Bald werden hier auch weitere Flüchtlinge aufgenommen und Spannungen sind aufgrund der beengten Raumverhältnisse unvermeidbar.

Eindrücklich evoziert Steinbichler mit einer immer wieder sehr nah geführten Kamera die klaustrophobische Enge und die permanente Angst entdeckt zu werden. Kaum einmal verlässt der Film das Hinterhaus, mit den Familien wird der Zuschauer quasi in dieses eingesperrt und doch verabsäumt es der Film hier entscheidende Momente dieser Situation zu verdichten.

Denn während bei Bezug des Verstecks betont wird, dass man während der Arbeitszeiten in der Fabrik weder sprechen noch auf die Toilette gehen darf, beschränkt sich Steinbichler dann weitgehend auf die Momente, in denen die Versteckten kommunizieren und interagieren. Nicht einmal den Versuch macht er das Quälende dieser endlos langen stummen Tage zu vermitteln.

Die permanente Angst vor der Entdeckung wird mit dem Coming-of-Age Annes verknüpft, die hier ihre Sexualität entdeckt, ihre erste Liebe erlebt und gegen die Eltern rebelliert. So zeitlos der Film in diesem Blick auf Anne, die von Lea van Acken wunderbar vielschichtig gespielt wird, auch ist, so sehr fehlt ihm doch auch in der Einengung der Perspektive der Blick für den historischen Hintergrund.

Solide ist das Drehbuch von Fred Breinersdorfer, der mit «Sophie Scholl – Die letzten Tage», mit dem das «Tagebuch» auch die räumliche Begrenzung und die junge weibliche Protagonistin verbindet, und «Elser» schon zwei Drehbücher für Filme über Widerstand in der Nazizeit verfasst hat, doch letztlich auch zu glatt.

Dies gilt auch für die anderen Bereiche der Produktion. Sorgfältig ausgewählt wurden die Schauspieler und auch an der Ausstattung gibt es nichts auszusetzen. Unnötig wirkt zwar, dass Steinbichler die Geschichte über das Ende der Aufzeichnungen hinaus bis ins KZ weiter entwickelt, aber wirklich falsch gemacht hat er im Grunde nichts. Doch allzu respektvoll ist seine Inszenierung insgesamt, riskiert nichts, sondern beschränkt sich darauf penibel das Tagebuch in Bilder zu übersetzen.

Den eigenen Zugang zum Stoff, das Eigenwillige, Rohe und Wilde, das bisherige Regiearbeiten Steinbichlers wie «Hierankl» oder «Winterreise» auszeichnete, sucht man hier vergebens. Unmöglich ist es zwar, vom Schicksal der jungen Jüdin nicht bewegt und gerührt zu werden, doch das Potential des Stoffes wurde hier bei weitem nicht ausgeschöpft.


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