Duppler bekommt Flügel

02.03.2016 Rosemarie Schmitt

Sie hat eine ähnliche Wirkung wie Alkohol, diese Musik von Lars Duppler. Sie verstärkt die Stimmung, in der man sich befindet. Gegen eine glückliche Melancholie ist ja nichts zu sagen, aber jenes Gefühl von Weltschmerz … Diese CD ist eine Gefahr für solch emotionale Rumpelstilzchen wie ich eines bin. Im Pressetext von GLM ist zu lesen: «Man kann diese Musik ganz bewusst oder völlig nebenbei hören, abends oder morgens und natürlich in jedem nur erdenklichen Status der Enthüllung – immer wieder fasziniert und überrascht aufs Neue.»


Gestern Abend habe ich sie ganz bewußt gehört, konzentriert und über Kopfhörer, heute morgen ein weiteres Mal, so ganz nebenbei. Und so ganz nebenbei gesagt: was die Status der Enthüllungen angeht, bin ich noch nicht ganz durch (ich enthülle für Sie, liebe Leser: den Plural von Status musste ich im Duden nachsehen). Apropos Enthüllung: «Ich war nicht wirklich nackt. Ich hatte nur keine Kleider an», soll Josephine Baker einmal gesagt haben. Der Pianist Lars Duppler, der offensichtlich sehr gerne mit Nilsens musiziert, denn man kennt ihn aus den Ensembles von Nils Wülker oder Niels Klein, kehrt dieses Bonmot jetzt um: er präsentiert sich bekleidet und trotzdem «naked» (deutsch: nackisch).

«Das Album ist die logische Antwort auf (mein Vorgänger-Album) raetur», sagt Lars Duppler. Was mich nun irritiert, da bei mir die Frage auftaucht, ob dieses vorherige Album denn eine Frage gewesen ist.
Noch Fragen?: www.youtube.com

«Nach rockigem Quartett jetzt nur der Flügel und ich.» Ein Flügel? Mit nur einem Flügel fliegt es sich nicht, Herr Duppler! Der Kammermusiksaal des DLF hält für solch vermeidbare «Fälle» ein paar Flügel bereit. Und zwar D-Flügel! Vergleichbar mit Doppel-D (Cup DD).

Mit den Maßen 274 cm Länge, 156 cm Breite und einem Gewicht von 480 kg ist der Steinway-Konzertflügel der D-Kategorie zu groß für die meisten Privatumgebungen. Es hat seine Gründe, weshalb diese Flügel als erste Wahl der meisten Konzertpianisten gelten!

Das Ergebnis von Dupplers Wahl: viel Raum zum Atmen mit einer bewusst perfektionierten, indes unaufdringlichen Ästhetik. Es entfaltet sich ein spannender, abwechslungsreicher Klang-Kosmos, der der Spätromantik ebenso nahe steht wie dem Jazz eines Paul Bley oder John Taylor und der Musik von Frederic Mompou oder Witold Lutoslawski. «Naked» klingt irre modern und dabei viel eindringlicher und ehrlicher als so manches Piano-Geklimper aus dem elektronischen Kontext.

Lars Duppler präsentiert auf seinem neuen Album sechs wunderbare, eigene, sinnige und eigensinnige Kompositionen - und zwei sehr eigene Interpretationen von Rodgers & Hammersteins Standard «My Favourite Things» und Irving Berlins «How deep ist the Ocean». Die Interludes (mit einem Bandecho aus den 70er-Jahren aufgenommen, per Hand gesteuert und ohne jegliche Midifizierung) machen aus diesem Projekt ein dichtes Gesamtkunstwerk mit sehr unterschiedlichen Strömungen und Spannungsbögen, die die Stimmung während des Hörens aufgreifen und verstärken.

«Naked» wird sie anziehen! www.glm.de/produkt/lars-duppler-naked

Herzlisch [sic] statt nackisch,
Rosemarie Schmitt

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