Traum ohne Ende - Dead of Night

03.03.2016 Walter Gasperi

Für schwarze und sozialkritische Komödien sind die britischen Ealing-Studios bekannt, doch 1945 entstand hier auch ein brillanter Mix aus Thriller, Melodram und Geisterfilm. Bei Studiocanal ist dieses wenig bekannte Meisterwerk auf DVD und Blu-ray erschienen.


Ein Mann auf einer Fahrt durch die englische Provinz. Der Blick auf ein Landhaus irritiert ihn – und schon hat der Film den Zuschauer am Haken, denn dieser möchte doch wissen, was an der beschaulichen Landschaft so irritierend ist. Im Landhaus wird der Mann, der sich als Architekt Walter Craig (Mervyn Johns) vorstellt, sich sofort auskennen, doch gleichzeitig betonen, dass er noch nie hier war.

Auch die anwesenden Personen wird er scheinbar wiedererkennen, bis ihm bewusst wird, dass dies alles Menschen aus einem wiederkehrenden Traum sind. Den anwesenden Psychiater (Frederick Valk) bittet er um naturwissenschaftliche Erklärung der Sachlage, doch wenig befriedigend sind dessen Ausführungen.

Dafür tritt sukzessive nun das ein, was Craig aufgrund seines Traumes prophezeit. Nur Stück für Stück gibt er aber weitere Informationen und dazwischen erzählen fünf der Anwesenden von unheimlichen, mysteriösen, geisterhaften und nicht rational erklärbaren Erlebnissen in ihrem eigenen Leben.

Nicht nur Kurzgeschichten verschiedener Autoren wie E. F. Benson, H. G. Wells, John Baines und Angus MacPhail, von denen die beiden letzten auch am Drehbuch beteiligt waren, wurden hier zu einem Episodenfilm gefügt, dessen Herz eine starke Rahmenhandlung ist, sondern auch unterschiedliche Regisseure wurden für die Inszenierung gewonnen.

Während Robert Hamer für die exzellente Episode «The Haunted Mirror», in dem ein Spiegel Besitz von einem Mann zu ergreifen scheint, verantwortlich zeichnet, arbeitet Alberto Cavalcanti in «The Christmas Party» mit dem Motiv des aufgrund eines früheren Verbrechens verwunschenen Hauses.

Calvalcanti führte auch Regie bei der großartigen Episode «The Ventriloquist´s Dummy» («Die Bauchrednerpuppe»), die schon Hitchcocks «Psycho» vorweg nimmt. Komödiantischere Töne schlägt dagegen Charles Crichton in der Geistergeschichte «Golfing» an, die in dieser Tonlage auch nicht in den ansonsten ernsten und sanften Schauer und Beunruhigung auslösenden Film passt.

Motor des Films ist aber die Rahmenhandlung, die ebenso wie die Episode «Hearse Driver» («Leichenwagenfahrer») Basil Dearden inszenierte. Denn diese Rahmenhandlung dient hier nicht als Aufhänger für die Episoden, sondern löst sie aus, bis im Finale alle diese Episoden in die Rahmenhandlung wieder einfließen und der Film mit einer starken Pointe endet.

Da werden aber nicht nur sehr klug und raffiniert Rahmenhandlung und Episoden verknüpft, sondern auch im Detail ist die Inszenierung meisterhaft. Da wirkt «Traum ohne Ende» einerseits in der Beschränkung auf praktisch einen Raum wie ein Kammerspiel im Stile eines Agatha-Christie-Krimis und andererseits führen die Episoden, die auch durch die wechselnden Erzähler, die teilweise mit ihrem Voice-over das Geschehen raffen oder kommentieren, aus der Enge hinaus.

Verstärkt wird die Enge im Landhaus, aber auch beispielsweise in der Episode «The Christmas Party» durch die Kameraarbeit (Jack Parker, Stanley Pavey, Douglas Slocombe, H.Julius). Dominant sind hier immer wieder die Wände und, indem Boden und Decke in eine Einstellung gepresst werden, erhält man das Gefühl sehr niedriger Räume. Bestechend ist auch die Qualität der Schwarzweißbilder.

Wie sehr der digitalen Restaurierung zu verdanken ist, dass dieser Film auch heute noch visuell besticht, macht ein Feature deutlich, in dem Szenen vor und nach der Restaurierung verglichen werden. An Sprachversionen bieten die bei Studiocanal erschienenen DVD und Blu-ray die englische Original- und die deutsch synchronisierte Fassung, an Untertiteln können deutsche sowie englische Untertitel für Hörgeschädigte zugeschaltet werden. In einem weiteren Feature «Erinnerungen an 'Traum ohne Ende'» sprechen Filmwissenschaftler, Kritiker, aber auch der Regisseur John Landis über dieses Meisterwerk, das seit seiner Uraufführung vor 71 Jahren kaum gealtert ist und immer noch zu begeistern vermag.

Filmbesprechung von A. O. Scott, New York Times

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.