Spotlight

01.03.2016 Walter Gasperi

2001 deckte ein Journalisten-Team der Tageszeitung «The Boston Globe» zahlreiche, von Kirche und Justiz vertuschte und sich über Jahrzehnte hinziehende Fälle von sexuellem Missbrauch durch katholische Priester auf. – Tom McCarthy zeichnet in seinem mit dem Oscar als bester Film ausgezeichneten packenden Drama schnörkellos, aber ungemein dicht die Recherchen der Journalisten-Teams nach und feiert den Qualitätsjournalismus alter Schule.


Kein Spektakel, weder Action noch Liebe bietet Tom McCarthy in seiner fünften Regiearbeit. Er setzt auf die Kraft der Fakten, starke Schauspieler und eine schnörkellose Inszenierung. Zusammen mit Josh Singer verfasste er auch das auf Tatsachen beruhende Drehbuch.

Mit dem Hinweis auf «wahre Begebenheiten» will man zwar in den letzten Jahren allzu vielen auch schwachen Filmen Aufmerksamkeit verschaffen, hier aber ergänzen sich die Authentizität der Ereignisse und die filmische Inszenierung kongenial. Denn mit der Präzision, mit der Entschlossenheit und Professionalität mit der das Journalistenteam der auf Hintergrundberichte spezialisierten «Spotlight»-Redaktion des «The Boston Globe» arbeitet, inszeniert auch McCarthy.

Auf eine kurze Sequenz aus dem Jahre 1976, die zeigt, wie die katholische Kirche Bostons mit Unterstützung der Justiz einen Fall von sexuellem Missbrauch unter der Hand beilegt, folgt ein Sprung ins Jahr 2001.

Ein neuer Chefredakteur aus Florida sorgt für Verunsicherung in der Redaktion: Werden jetzt aufgrund der aufkommenden Konkurrenz durch das Internet und Rückgang der Abonnenten Entlassungen folgen?

Am Rande spricht «Spotlight» Entwicklungen in der Medienlandschaft an, doch wichtiger ist, dass der zugereiste Marty Baron (Liev Schreiber), der zudem noch als Jude im katholischen Boston ein Außenseiter ist, einen neuen Blick auf die Stadt mit sich bringt. Ein kleiner Artikel über den sexuellen Missbrauch eines Priesters weckt seine Aufmerksamkeit und er drängt das «Spotlight»-Team, in dieser Sache weiter zu recherchieren.

Praktisch nichts erfährt man über das Privatleben der Journalisten, ganz auf ihrer Arbeit fokussiert McCarthy. In der Beiläufigkeit brillant werden dabei aber nicht nur unterschiedliche Arbeitsmethoden vermittelt, sondern auch Problemfelder angesprochen.

Da hat der Leiter der Redaktion Walter «Robby» Robertson (Michael Keaton) zwar gute Kontakte zur Bostoner Oberschicht, legt sich somit mit seinen Recherchen aber auch mit seinen Freunden an. Entscheiden muss er sich so schließlich, ob ihm die Aufdeckung der Wahrheit oder die angesehene Position in der Gesellschaft und die Freundschaften wichtiger sind.

Michael Rezendes (Mark Ruffalo) fokussiert dagegen auf dem von Stanley Tucci großartig gespielten Anwalt Mitchell Garabedian, der als Armenier ebenfalls von außen auf die Gesellschaft blickt und den nichts hindert, die Opfer des Missbrauchs zu verteidigen und sich damit mit der mächtigen katholischen Kirche anzulegen. Hartnäckig bearbeitet Rezendes Garabedian, der zunächst nichts preisgeben will, weil er weiß, dass die Zeitung schon vor Jahren Informationen bekam, damals aber nicht weiter recherchierte.

Sacha Pfeiffers (Rachel McAdams) Stärke wiederum ist es, die Opfer einfühlsam und doch hartnäckig zu interviewen und ihnen zuzuhören. Profil gewinnen diese inzwischen erwachsenen Männer zwar kaum, doch sichtbar – aber mehr angedeutet als breit ausgewalzt - werden in ihnen die lebenslangen Folgen des Missbrauchs wie Drogenabhängigkeit, psychische Probleme und die Schwierigkeit über die traumatischen Erfahrungen zu reden. Und schließlich gibt es noch Matt Carroll (Brian d’Arcy James), der fürs Recherchieren von Fakten zuständig ist.

Ein Bedrohungsszenario mit Druck von Oben braucht McCarthy nicht, um die Spannung durchgängig hoch zu halten. Knochentrocken ist die Inszenierung, verliert aber nie an Dichte, weil keine Szene überflüssig ist und der Zuschauer, der auf Augenhöhe mit den Journalisten ist, mit diesen stets tiefere Einblicke in das Ausmaß des Skandals gewinnt.

Die Kunst von «Spotlight» besteht aber auch darin, dass dieser Film nie zu einem Pamphlet gegen die Religion wird, sondern vielmehr zeigt, wie der Missbrauchsskandal auch gute Gläubige erschüttert. Einzig am Zölibat wird zumindest indirekt Kritik geübt, da er als eine der Wurzeln des Missbrauchs dargestellt wird.

Und so sehr dieser klassische Journalistenfilm, der ganz in der Tradition von Alan J. Pakulas Watergate-Film «All the President´s Men - Die Unbestechlichen» (1976) steht, auch ein Loblied auf die freie Presse – der Chefredakteur stellt explizit Unabhängigkeit über gute Zusammenarbeit mit den Institutionen – und intensiv recherchierenden Qualitätsjournalismus singt, so wenig verklärt er seine Protagonisten zu Helden: Nichts als ihre Arbeit scheint das «Spotlight»-Team zu machen und nicht mit einer Siegesfeier, sondern am Arbeitsplatz und mit der Arbeit endet der Film.

Wie dieses Team, das dafür 2003 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, hier eine gute Arbeit verrichtet hat, hat auch McCarthy und sein Team vom Co-Drehbuchautor Singer über die bis in die Nebenrollen exzellenten Darsteller bis zum Kameramann Masanobu Takayanagi, der immer wieder unaufdringlich mächtige Kirchen und Kinderspielplätze ins Bild rückt, hervorragend gearbeitet. Keiner spielt sich hier in den Vordergrund, keiner will protzen mit seiner Leistung, sondern Regie, Schauspiel und Kamera stellen sich ganz in den Dienst des Films.

Eindrücklich macht ein Insert im Nachspann auch deutlich, dass sich der sexuelle Missbrauch durch katholische Priester keinesfalls auf Boston beschränkt. In einer langen Liste werden 105 Orte in den USA und 102 außerhalb den USA – auch das niederösterreichische Hollabrunn findet sich hier - aufgelistet, in denen solche Missbrauchsfälle aufgedeckt wurden.

Und man erfährt auch, dass der Kardinal von Boston, der die Missbrauchsfälle deckte, nach Aufdeckung des Falls die Leitung des Bistums niederlegte, dafür aber Erzpriester von Santa Maria Maggiore, einer der vier Hauptkirchen Roms, wurde.

Läuft derzeit im Cineplexx Hohenems

Trailer zu «Spotlight»

weiterführende Links:

Spotlight

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.