Where to Invade Next

23.02.2016 Walter Gasperi

Der Polit-Clown Michael Moore ist wieder unterwegs. Dieses Mal tritt er aber nicht als Aufdecker auf, sondern lässt sich in europäischen Staaten über soziale Errungenschaften belehren, die er in die USA importieren möchte. – Eine für Moore typische sehr selektive und manipulative, aber auch sehr unterhaltsame Szenenfolge.


Seit 1989 arbeitet sich Michael Moore filmisch an Missständen in den USA ab. In «Roger and Me» spürte er dem Niedergang von General Motors in Flint/Michigan nach, im mit dem Oscar ausgezeichneten Welterfolg «Bowling for Columbine» (2002)nahm er die Rolle von Schusswaffen in den USA kritisch aufs Korn, ehe er in «Fahrenheit 9/11» (2004) mit der Bush-Administration und der US-Politik nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 abrechnete. In «Sicko» (2007) warf er einen bissigen Blick aufs US-Gesundheitssystem und in «Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte» (2009) war das amerikanische Finanzsystem sein Angriffsziel.

Gleichbleibend ist seine Methode: Immer bringt er sich selbst mit seiner Körperfülle und mit Baseballkappe ins Bild, stellt sich bei Interviews naiv, um Informationen zu erhalten, hat keine Scheu den Zuschauer durch die Montage des Materials zu manipulieren. Kein objektiver Chronist will Moore sein, sondern ein Provokateur und Agitateur, der das Publikum aufrüttelt.

Die Methode ist bei «Where to Invade Next» die gleiche, doch will er hier nicht mehr direkt Missstände in den USA aufdecken, sondern will über positive Einrichtungen in Europa plus einem Abstecher nach Tunesien den Amerikanern zeigen, was sie besser machen könnten.

Wie wenig dokumentarisch ernst und sachlich seine Herangehensweise ist, macht Moore selbst mit dem Einstieg deutlich, wenn er vorgibt, dass die höchsten US-Militärs ihn zu Hilfe gerufen haben. Der Filmemacher soll dafür sorgen, dass die USA nach zahlreichen militärischen Niederlagen seit dem Zweiten Weltkrieg wieder einmal triumphieren.

So bricht Moore mit US-Flagge bewaffnet und - auf der fingierten Bildebene - auf einem Flugzeugträger in Richtung Europa auf, befragt in Italien ein Pärchen, aber auch Firmenchefs über bezahlten Urlaub und kommt dabei aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, wenn auch noch von Feiertagen, Urlaubs- und Weihnachtsgeld geredet wird. – So genau nimmt er es dann freilich mit der Wahrheit nicht und spricht unisono von acht Wochen bezahltem Urlaub.

In Frankreich entdeckt er eine Schulkantine – und zwar, wie Moore betont, in einer öffentlichen Schule und einer ärmeren Region -, in der Luxusmenüs gekocht werden und keine Cola, sondern nur Wasser getrunken wird oder den Sexualkundeunterricht. Wie das dagegen in den USA ausschaut, wird mit Bildern von kaum mehr identifizierbarem Essen demonstriert, oder im Vergleich der Anzahl der Teenager-Schwangerschaften.

Dem kostenlosen Uni-Zugang am Beispiel von Slowenien stellt er die Verschuldung der Studenten in den USA gegenüber, in Deutschland dem kritischen Umgang mit der eigenen Geschichte die Situation in seiner Heimat. Begeistern lässt er sich vom finnischen Schulsystem, das auch soziale Integration fördert, und vom norwegischen Strafvollzug, in dem die Haftanstalten wie Ferienresorts ausschauen und der im Gegensatz zu den USA die Würde des Menschen achtet und sich von Anfang an um Resozialisierung bemüht.

Witz und Schwung entwickelt «Where to Invade Next» einerseits durch Moores sichtliches Vergnügen an dieser «Recherche», sein Gespür für Nebenbemerkungen und den bissigen Seitenhieben gegen die USA, andererseits natürlich auch durch die rasche Abfolge von eher kurzen Szenen.

Nichts wird hier ausgelotet, plakativ und ohne kritische Prüfung und Hinterfragung wird ein Beispiel ans nächste gereiht. – Moore wählt hemmungslos das aus, was in sein Konzept und seine Argumentation passt. Was diese stören könnte, wird ausgespart.

Geschickt schlägt der Doku-Entertainer aber auf jeden Fall am Ende den Bogen zum Beginn, wenn er über den Kampf der tunesischen Frauen um Gleichberechtigung zur starken Rolle der Frau in Island kommt und diese Frauen den am Anfang ins Bild gerückten US-Militärs quasi gegenüberstellt.

Da dreht Moore dann aber auch nochmals den Spieß um, um den Amerikanern Hoffnung zu machen, weist darauf hin, dass viele dieser Errungenschaften im Prinzip aus den USA kamen, sie nur sich ihrer Wurzeln besinnen müssen und gibt dem amerikanischen Zielpublikum mit einem Ausschnitt aus «The Wizard of Oz» Hoffnung, dass diese Rückkehr nach «Kansas» möglich ist.

Der Europäer dagegen lässt sich von diesem Streifzug durch Europa am besten zunächst mal einfach unterhalten und nimmt dann so wie Moore für sich ebenfalls das heraus, was ihn interessiert, um sich dann anhand von sachlicheren Filmen, Büchern oder Artikeln einen differenzierteren und profunderen Einblick zu verschaffen.


Läuft ab Donnerstag im Cinema Dornbirn und ab März im Kinok in St. Gallen

Trailer zu «Where to Invade Next?»

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