Liebesgrüße aus Kuba

15.02.2016 Kurt Bracharz

Ein historischer Bruderkuss soll es laut deutschen Medien gewesen sein, das Treffen des Papstes mit dem russisch-orthodoxen Patriarchen auf dem nach dem kubanischen Dichter und Freiheitskämpfer José Martí benannten Flughafen südlich von Havanna. Was wohl der sozialistische Freimaurer Martí davon gehalten hätte? Schon als Jugendlicher formulierte er den «odio invencible a quien la oprime», den «unbesiegbaren Hass gegen den Unterdrücker», und zumindest beim Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche gibt es keinen Zweifel, auf welcher Seite er in der Konfrontation Unterdrücker und Unterdrückte steht bzw. in seiner Luxuslimousine sitzt.


Der Patriarch Kyrill hieß mit sowjetbürgerlichem Namen Wladimir Michailowitsch Gudnjajew und mit seinem KGB-Namen Michailow. Patriarch geworden ist er dank seiner Treue zum bekanntesten Ex-KGB-Mann Russlands, also Putin. Der Kleriker, der im Unterschied zu vielen Amtsgenossen nie ein sowjetisches Gefängnis von innen gesehen hat, wurde 1971 Archimandrit und Vertreter der russischen Orthodoxen beim Weltkirchenrat in Genf, 1989 Leiter des Außenamtes der Russisch Orthodoxen Kirche und 2009 zum Patriarchen von Moskau und der ganzen Rus gewählt. Im Westen ist er hauptsächlich bekannt geworden durch die Entfernung der 30.000-Dollar-Breguet-Uhr von seinem Handgelenk auf Fotos auf seiner Webseite mittels Photoshop (wobei das Spiegelbild der Uhr in einem Glastisch übersehen und deshalb nicht ebenfalls wegretouchiert wurde), durch seine bemerkenswert unflätigen Äußerungen gegen Pussy Riot und durch eine Predigt im Jahr 2013, in der er allen Ernstes in der Legalisierung von homosexuellen Ehen ein Symptom des bevorstehenden Weltuntergangs erkannte.

Mit Kyrill I. verglichen ist der Jesuit Franziskus (bürgerlich: Jorge Mario Bergoglio) eine Lichtgestalt, denn was auch immer man von den Jesuiten hält, mit dem KGB (heute SFB) kann man sie doch nicht ernsthaft vergleichen. Nach Franziskus’ Wahl wurden zwar mehrere Vorwürfe gegen ihn laut, deren schwerstwiegender wohl der war, dass er als Bischof und damaliger Leiter des argentinischen Jesuitenordens zwei Jesuiten, die im größten Elendsviertel von Buenos Aires arbeiteten, entweder nicht genügend geschützt oder sogar selbst an die Militärjunta verraten habe, aber diese Angelegenheit verlief dann mehr oder weniger im Sande, da die beiden im Unterschied zu 30.000 anderen Opfern der Junta überlebt hatten (sie waren nicht wie tausende Studenten nachts aneinander gefesselt aus Flugzeugen in den Ozean geworfen worden, sondern hatten «nur» fünf Monate im Gefängnis verbracht, angekettet und mit verbundenen Augen, und ein Hubschrauber hatte sie danach sanft in der Pampa ausgesetzt). Sie haben ihre Vorwürfe nicht zurückgenommen, der eine blieb bis zu seinem Tod im Jahre 2000 explizit dabei, der andere erklärte, zu verzeihen, und führte 2013 ein Gespräch mit dem Papst, über dessen Inhalt nichts bekannt wurde. Mittlerweile beschäftigen sich die Medien im Zusammenhang mit Franziskus stets mit anderen Themen, wie jetzt eben mit seinem Treffen mit Kiryll auf Kuba.

Fidel Castro hat übrigens eine Jesuitenschule besucht, und auch sein Bruder Raoul ist katholisch erzogen worden. Das wird man wohl tatsächlich nie wieder los.


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