Die rabiaten Spießer

07.02.2016 Haimo L. Handl

Die Zunahme der Gewalt im öffentlichen Leben geht nicht nur auf Kosten von Flüchtlingen oder Asylanten bzw. terrorbereiten Desperados. Die «Gegenbewegungen» der Heimatschützer widerspiegelt erschreckend das dumpfe, deformierte Bild der faschistischen oder autoritären Persönlichkeit, wie sie während des 2. Weltkriegs verzweifelt festzumachen versucht worden war, weil Erklärungen fehlten, wie «normale» Bürger «kippen» und zu bösen Tätern werden.


Die Arbeiten von damals fanden ihre Fortführungen. Dabei zeigte sich von Anbeginn, dass es nicht nur die autoritätsgläubigen Kuscher als willige Erfüllungsgehilfen gibt, sondern jene Schicht, die im System solcherart verstandener Werte befiehlt, kommandiert, Druck ausübt, «regiert».

Heute gelingt die Etikettierung oft fahrlässig schnell bei Anhängern der Pegida oder AfD. Mehr Probleme hat man sich auferlegt durch ein verschrobenes Multikultiverständnis, das mögliche Befunde bei Moslems desavouiert. Hier hat man eine gefährliche Filterung vorgenommen, die erst ganz langsam aufbricht, weil die Realitäten nicht mehr wegzuleugnen sind.

Gänzlich übersehen wird das faschistische, autoritäre Erbe im Wirtschaftsbereich und in der Kultur. Als der VW-Skandal offen wurde, fragten sich einige Soziologen und Psychologen, wie das denn überhaupt in der herrschenden Unternehmenskultur geschehen konnte. Und es sickerte heraus (offen ist dieser tabuisierte Tatbestand noch lange nicht!), dass es vor allem im Mittelmanagement eine Art von Kuschermentalität gibt, ein bedingungsloses Trachten, auch unvernünftige Vorgaben und Ziele umzusetzen bzw., wenn real nicht erfüllbar, dann manipuliert. Es ist, als ob das alte Planwirtschaftsdenken, die eingeübte Täuschung und Lüge, das Rang- und Ränkedenken und -handeln sich im Westen über den extrem starken Erfolgsdruck wieder eingeschlichen habe. Solange das erfolgreich ist, das heißt, der Betrug nicht öffentlich wird, die Geschäftsziele erreicht sind, passt alles. Die burn outs auf diesem Weg der smarten Anpassung nimmt man hin bzw. die vielen, die im System sich verausgaben, sehen das selbst als «normal». Die Herren in der weißen Weste sind nur das Gegenstück zu den etwas primitiveren «Folgsamen» und «Besorgten»; ihre Wertorientierung, ihre Persönlichkeitsausrichtung, hat einen fatalen gemeinsamen Kern.

Ganz pervers wird es aber, wenn solche Autoritätsmonster und Nazitypen verkleidet zwar als «Berserker» genannt werden, aber immer im Zusammenhang mit hohem Lob ob ihres Führungsstils, der aus den Leuten alles heraushole. Frank Castorf, 1951 in der DDR geboren, ist so eine Deformation, die sich im Kulturapparat hochwerkelte und als Kotzbrocken höchst erfolgreich regiert. Er verkörpert den beleidigenden Lehrer, den Kommandeur, den Rekrutentreiber, wie man ihn aus der DDR kannte oder von westdeutschen Kasernen und Hinterhöfen. Er geht mit Leuten um in einer Weise, wie früher Kolonialisten die Untermenschen zu Hochleistungen trieben, nur dass er auf die reale Peitsche verzichtet.

In Fernsehsendungen wird hie und da vom Moderator der Gedanke geäußert, dass «im normalen Leben» er mit seiner Art Menschenverachtung entweder keinen Job mehr hätte oder Gerichtsverfahren, aber die Kunst, das Theater seien eine andere Welt, wo das ginge. Und leider gibt ihm der widerliche Apparat und eine Art von huröser Schauspielerzunft Recht. Sie stimmen zu, dass er zwar Druck ausübe, sie aber zu Hochleistungen führe. Und die Kritiker und Moderatorinnen jauchzen über das Außergewöhnliche, den Kitzel.

Eine Gesellschaft, die einem Kulturwerkenden solche Verhaltensweisen als «vernünftig» oder «angebracht» zubilligt, billigt auch das «Chefverhalten», das sich in der «Verwendung», im «Gebrauch», der dadurch zum Missbrauch wird, äußert. Hier haben sich Strukturen aufgebaut, in denen beschädigte, deformierte Spießer als kleine Führer sich austoben, was man dann als Kulturleistung hinstellt. Doch Wegschauen gilt nicht. Wenn wir die Zusammenhänge zwischen diesen wüsten Kommandeuren einerseits, und den kollaborierenden Kulturschaffenden hier, den Managern dort, nicht sehen, halten wir uns blind und helfen diese Unkultur zu festigen und zu perpetuieren. Sie trägt bei zur Unterminierung des Rechtsstaats, seines Wertesystems. Sie stärkt die Chefs, die Ausbeuter, die Missbraucher. Sie bedient die Unteren, die Meute, die als Bodensatz immer ein Teil dieses Ganzen ist. Keine Spitze vermag etwas ohne die Basis.

Es hilft nicht, Typen wie Castorf den «Joseph Blatter des Theaters» (Deutschlandfunk 30.5.2015) zu nennen, wenn nichts aus diesem Urteil folgt. Es hilft nicht, Blatter als Popanz hinzustellen und alle Strukturen des korrupten Betriebs zu belassen. Es hilft auch nicht, im bloßen Blick auf Resultate Prozesse übersehen zu wollen. Der blöde Spruch, Kunst müsse ihre eigene Freiheit haben, ist ein Armutszeugnis eines tiefen Missverständnisses einer sich frei dünkenden Gesellschaft. Ganz schlimm, wenn diese «Sonderfreiheit» die Exekution des Autoritären, Wüsten, Faschistischen feiert, wenn auch camoufliert.

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