Berlinale-Start mit neuer Coen-Komödie

12.02.2016 Walter Gasperi

11.02.2016 bis 21.02.2016  Berlinale

Mit dem neuen Film der Coen-Brüder wurde die 66. Berlinale gestern eröffnet: «Hail, Caesar!» bietet eine liebevoll-ironische, und an hinreissenden Szenen reiche Liebeserklärung ans Hollywood-Kino der 1950er Jahre, lässt es aber an erzählerischer Stringenz missen.


Erhöhte Sicherheitsvorkehrungen musste man bei der heurigen Berlinale erwarten, wurde man doch schon per Mail darauf aufmerksam gemacht, dass man mit großen Taschen und Rucksäcken keinen Einlass in die Spielstätten finden wird.

Bei der Pressevorführung von «Hail, Caesar!» war davon aber nichts zu spüren: Drei Monate nach den Anschlägen von Paris scheint für diese Großveranstaltung zu gelten: Business as usual.

Dafür garantierte die Eröffnung mit «Hail, Caesar!» einen Starauflauf, ist doch die neue Komödie der Coen-Brüder mit solchen gespickt. Nicht nur die Regisseure, die schon 2011 mit «True Grit» dieses Festival eröffneten, sondern auch Berlinale-Stammgast George Clooney, Josh Brolin, Tilda Swinton und Channing Tatum kamen aus diesem Anlass an die Spree.

Ganz die Erwartungen konnte das Projekt, das die mit vier Oscars ausgezeichneten Brüder mehr als zehn Jahren mit sich herumtrugen, dann allerdings nicht erfüllen. Schon 2004 wollten die Coens den Stoff verfilmen und von Schauspielern erzählen, die in den 1920er Jahren ein Theaterstück über das Römische Reich aufführen. Verlegt wurde nun die Handlung in die 1950er Jahre und statt ums Theater gehts um das Hollywoodkino dieser Zeit.

Ganz bei sich sind die Coens damit, haben sie sich doch schon immer von ihrem Neo-Noir Debüt «Blood Simple» über den in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichneten «Barton Fink» bis zum Western-Remake «True Grit» am klassischen US-Kino abgearbeitet.

Mit «Hail, Caesar!» schließen sie nun auch nach «Oh Brother, Where Art Thou?», der voller Referenzen nicht nur an Homers «Odyssee», sondern auch ans US-Kino der 1930er und 1940er Jahre war, und der wenig geglückten Screwball-Komödie «Intolerable Cruelty» ihre so genannte «Numbskull» («Volltrottel»)-Trilogie ab.

Schräge Typen lassen sie folglich hier zuhauf auftreten. Die Palette reicht von George Clooney als etwas zurückgebliebener Darsteller eines römischen Offiziers im titelgebenden Monumentalfilm über Alden Ehrenreich als Cowboydarsteller und Channing Tatum als steppender und singender Matrose bis zu Scarlett Johansson, die wie einst Esther Williams im Wasserballett brillieren darf, sich im Alltag aber wenig damenhaft benimmt.

Im Mittelpunkt steht aber Eddie Mannix (Josh Brolin), der dafür sorgen muss, dass die diversen Produktionen von Capitol Pictures reibungslos laufen und die Stars nicht in Skandale verwicktelt werden. Verschärft wird seine Aufgabe, als Clooney entführt wird und damit auch noch eine kommunistische Verschwörung ins Spiel kommt.

Rasant ist die Erzählweise, lustvoll agiert das Star-Ensemble und mit liebevoller Ironie erwecken die Coens, Kameramann Roger Deakins und Production-Designer Jess Gonchor das Hollywood der 1950er Jahre zum Leben. In ausführlichen Film-im-Film-Szenen, bei denen dann auch mal das Filmformat wechselt, erklären sie nicht nur Monumentalfilm und Western, sondern auch den Dramen à la George Cukor, an den der von Ralph Fiennes gespielte Regisseur angelehnt scheint, oder den Gene-Kelly-Musicals ihre Reverenz.

In der Haupthandlung, die sich nur über einen Tag erstreckt und teilweise von einem allwissenden Erzähler kommentiert wird, wiederum fehlen nicht nur Anspielungen auf den Film noir nicht, sondern kommt auch die Zeitstimmung mit Kaltem Krieg, Wasserstoffbombentests auf dem Bikini-Atoll und dem Einfluss der Kirchen speziell bei religiösen Filmen ins Spiel.

So hinreißend jede dieser Szenen für sich in der Mischung aus Liebeserklärung bei gleichzeitig mitschwingender Ironie aber auch ist, so stören sie doch den dramaturgischen Aufbau von «Hail, Caesar!». Sie dienen einzig der Hommage, treiben die Handlung aber höchstens am Rande weiter.

Dies gilt auch für die Gruppe von Kommunisten, die sich mit einer Villa am Meer auch in einem klassischen Hollywood-Setting für Film noir oder Melodram trifft. So intelligent auch hier die Dialoge über den dialektischen Materialismus sein mögen, so sehr man an diesen Typen, die teils an Karl Marx und Leo Trotzkj erinnern und bei denen mit ihrem Chef Marcuse auf den Vertreter der Frankfurter Schule angespielt werden dürfte, so wirken diese Diskussionen letztlich doch ebenso etwas aufgesetzt wie die Verbindung, die zwischen antiker Sklavenhaltergesellschaft und Hollywood-System hergestellt wird.

Auch ein Kruzifix und eine Beichtszene am Beginn und am Ende können da der Suche von Mannix nach Sinn und richtigem Lebensweg nicht entscheidend Nachdruck verleihen. Doch mag «Hail, Caesar!» somit auch nicht zu den besten Coen-Filmen zählen, ein großer Spaß ist er dank seiner liebevoll detailreichen Inszenierung, zu der auch ein Einblick in die Gefahren alter Filmschneidemaschinen gehört, dennoch.

Trailer zu «Hail, Caesar!»

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