In meinem Kopf ein Universum

18.02.2016 Walter Gasperi

Ein an einer zerebralen Bewegungsstörung leidender Junge wird auch für geistig behindert gehalten. Erst im Alter von 26 Jahren kann er beweisen, dass sein Gehirn durchaus funktioniert. – Maciej Pieprzycas wunderbar unsentimentales, gleichwohl bewegendes Entwicklungsdrama ist bei Ascot Elite auf DVD erschienen.


«Sein Gehirn arbeitet nicht, er ist Gemüse», kommentiert die Ärztin schonungslos den Zustand von Mateusz (Dawid Ogrodnik), als dieser aufgrund seiner zerebralen Bewegungsstörung Bauklötze nicht wie gewünscht anordnen kann sondern umstößt. – Dass der Junge aber alles wahrnimmt, was um ihn vorgeht, erfährt nur der Zuschauer, denn mit dem Voice-over von Mateusz bietet Maciej Pieprzyca immer wieder Einblick in seine Gedanken.

Er mag weder seine Beine noch Hände noch Zunge koordinieren können, im Rollstuhl sitzen und weder schreiben noch sprechen können, aber sein Gehirn ist durchaus intakt. Wie aber soll er der Umwelt mitteilen, dass er sie durchaus versteht? Als er es der Mutter, die sich liebevoll um ihn kümmert, beweisen will, indem er der Schwester zeigen will, wo die Brosche liegt, die sie sucht, werden seine Bewegungen für einen Krampfanfall gehalten und er wird zurückgehalten.

Ganz auf Augenhöhe mit dem von Dawid Ogrodnik grandios, aber nie affektiert gespielten Mateusz ist die Kamera, aus seiner Perspektive blickt der Zuschauer auf die Welt und lässt ihn so eindringlich die hilflose Lage von Mateusz zwischen Verstehen einerseits und Unfähigkeit sich mitzuteilen andererseits erfahren.

Im Film freilich gibt sich nur der Vater auf die Ebene des Jungen. Liebevoll spielt er mit ihm, kriecht mit ihm am Boden herum und nimmt ihn, so wie er ist, ernst, während die Mutter ihm in ihrer Fürsorglichkeit letztlich – wie sich in der Szene mit der Brosche zeigt – die Möglichkeit raubt, zu beweisen, dass er sie versteht.

Wie Mateusz, der nach dem Tod seines Vaters in ein Heim für geistig Behinderte kommt, nicht der ist, für den ihn alle halten, so ist es aber letztlich auch die junge Pflegerin Magda nicht, die sich zunächst intensiv um ihn bemüht, deren Einsatz sich schließlich als eigennützig entpuppt.

Über rund 20 Jahre spannt sich die Handlung des Films. Erst als Mateusz im Alter von 26 Jahren eine Logopädin, die mit einem anderen Patienten – wie in Julian Schnabels «Schmetterling und Taucherglocke» – mittels Blinzeln kommuniziert, auf sich aufmerksam machen kann, kann er der Mutter und der Welt endlich mitteilen, dass er eben kein Gemüse ist.

Leicht hätte die auf einem wahren Fall beruhende Geschichte in Rührseligkeit abgleiten können, doch Pieprzyca erzählt geradezu nüchtern und unsentimental, zwar mit großer Anteilnahme, aber nie bemitleidend. Gekonnt versetzt er den Zuschauer selbst in die Position des von der Kommunikation Ausgeschlossenen, wenn er Kapitelüberschriften zunächst in Zeichensprache angibt und dann erst in Schrift übersetzt, und auch Witz und Poesie lässt er speziell in den Szenen mit dem Vater nicht zu kurz kommen.

Eindringlich zeigt der 51jährige polnische Regisseur, der bislang vor allem TV-Serien drehte, wie die Dinge nicht immer so sind, wie leicht eine vorgefasste Meinung das Verhalten beeinflusst und wie wichtig deshalb Offenheit und ein zweiter Blick sind. Denn nachdem Mateusz einmal abgestempelt ist, macht sich niemand mehr die Mühe ihn genauer zu untersuchen, sieht jeder in ihm nur den nicht nur körperlich, sondern auch geistig Behinderten.

Gleichzeitig erzählt «In meinem Kopf ein Universum» auch bewegend von Kampfgeist und Durchhaltewillen, die Mateusz vom Vater gelernt hat. Nie gibt er auf, sondern nützt schließlich die Chance, als er eine Gelegenheit gekommen sieht, sich verständlich zu machen.

An Sprachversionen bietet die bei Ascot Elite erschienene DVD die polnische Originalfassung, zu der deutsche Untertitel zugeschaltet werden können, sowie die deutsche Synchronfassung. Die Extras beschränken sich auf den deutschen Kinotrailer.

Trailer zu «In meinem Kopf ein Universum»

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