Nur wenige sind auserwählt

24.03.2016 Walter Gasperi

Opulente Ausstattung und die Musik sind die großen Trümpfe von Charles Vidors Melodram über Franz Liszts Beziehung zur russischen Fürstin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein. Eine Einbettung in den historischen Kontext vermisst man aber ebenso wie eine emotional mitreißende Erzählweise. Bei Winkler Film ist der 1960 gedrehte Historienfilm auf DVD erschienen.


Auf eine Totale eines winterlichen Dorfs – es ist Chamonix – folgt eine Innenszene zwischen Liszt und seiner Geliebten Marie. Wie Kameramann James Wong Howe die Szene in einer langen Einstellung filmt, wie er mit Vordergrund und Hintergrund arbeitet, beeindruckt auch 55 Jahre nach der Uraufführung dieses Films.

Es ist ein Inszenierungsmittel, mit dem Charles Vidor und sein Wong Howe auch in den folgenden 120 Minuten in den Innenszenen vorzugsweise arbeiten. So lassen sie dem Zuschauer Raum zum Schauen statt ihn mit einer Abfolge von Großaufnahmen zu lenken. Doch inhaltlich bleibt diese Künstlerbiographie eher dünn und in der Figurenzeichnung dürftig.

Dirk Bogarde, der im folgenden Jahrzehnt bei Joseph Losey und Luchino Visconti vielschichtige Charaktere spielen wird, kann die Zerrissenheit Liszts nicht überzeugend vermitteln, vor allem schön ist das ehemalige Mannequin Capucine, bleibt in ihrer ersten Hauptrolle als schmachtende und für den Klaviervirtuosen alles opfernde Fürstin Caroline aber blass.

Schwäche des Films ist auch, dass er viel zu wenig in einen historischen Kontext eingebettet wird, nie die Atmosphäre der Zeit atmet. Stattdessen setzt der Film – wie auch der originale Trailer betont – auf Oberflächenreize. Opulent ist die Ausstattung: Die Damen werden in eleganten und farbintensiven Roben in Szene gesetzt, Liszt darf mal in prunkvollen Konzertsälen, dann in einer prachtvollen Oper und bald auch in einer Kathedrale mit seinem Klavierspiel das Publikum begeistern.

Überhaupt nimmt die Musik von Chopin über Wagner und Beethoven bis zu Händel und Liszts eigenen Kompositionen sehr viel Raum ein. Für Musikliebhaber mag das durchaus ein Genuss sein, doch das Erzähltempo des Films wird damit verschleppt.

Mehr behauptet als wirklich nachvollziehbar ist hier auch die Rolle der Religion im Leben der Fürstin und Liszts, von dessen Kindheit und Jugend man ebenso wenig erfährt wie über dessen Lebensende. Auch die leidenschaftliche Liebe dieses Paares, deren Glück Carolynes missgünstigem Ex-Ehemann und der Kirche scheitet, wird kaum spürbar. Nie entwickelt dieser Film die emotionale Wucht, die sich aufgrund der melodramatischen Handlung entwickeln könnte und müsste.

Solche Schwächen können freilich auch mit den schwierigen Dreharbeiten zusammenhängen. Denn Charles Vidor starb, als erst 15% des Films gedreht waren, und sein Freund George Cukor übernahm die Regie unter der Bedingung unerwähnt zu bleiben. Ohne Nennung seiner Funktion wird ihm deshalb im Vorspann für seine Hilfe bei der Fertigstellung des Films gedankt.

An Sprachversionen bietet die bei Winkler Film erschienene DVD, die durch Bild- und Farbqualität besticht, die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie Untertitel in diesen Sprachen. Die Extras beschränken sich auf den originalen Kinotrailer von 1960.

Trailer zu «Nur wenige sind auserwählt»

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