Arbeit macht frei

31.01.2016 Haimo L. Handl

Die Arbeitslosenrate ist in Europa sehr hoch, besonders in den Krisenländern des Südens und Südwestens: von Portugal bis Griechenland bilden die Arbeitslosen ein Sozialproblem, das jederzeit «explodieren» kann bzw., wie in Portugal oder Griechenland, zu für die Armen zwar verständlichen, sonst aber völlig unvernünftigen Handlungen führen kann, die den allgemeinen Zusammenbruch nur beschleunigen.


Die Arbeitslosen sind unfrei. Arbeit machte sie frei. Stimmt das? Zu einem gewissen Grad, sicher. Aber es gibt eine Kehrseite, nicht nur historisch, auch aktuell. Die historische gemahnt an den Zynismus der Ausbeutung und des Diktats durch die Nazis, die den Spruch «Arbeit macht frei» just über KZ-Tore montierten, als doppeldeutige Wahrheit. Denn der Kern der kapitalistischen Ausbeutung, insbesondere durch Arbeit, macht nicht frei, sondern hält unfrei, obwohl vordergründig ohne Arbeit nur Unfreiheit herrscht.

Macht man sich klar, dass Arbeit einerseits vernichtet, andererseits höchstens ein Auskommen sichert, nicht aber Kapitalbildung, wie man sie bräuchte, um einen hohen Standard erreichen zu können bzw. um politisch Einfluss zu gewinnen, sieht man im Kapitalertrag die Lösung. Die wird aber den Arbeitenden, die sich selbst als Ware am Markt zu Bedingungen, die nicht sie diktieren und bestimmen, nicht gewährt. Sie bleiben gebunden, unfrei. Frei ist nur der Kapitalist, dessen Kapital Erträge liefert, einerseits von der Arbeit der anderen, andererseits, und das vor allem, durch Zinsen und Zinseszins, durch Kapitalgewinne.

Das kapitalistische System ist ganz und gar auf die Steigerung des Reichtums der Reichen ausgerichtet; ihnen bieten die Staaten Steuererleichterungen oder überhaupt Steuerfreiheit, sie vermögen die Mehrheiten, die sogenannten Werktätigen und die Massen der Arbeitslosen unten zu halten, zu Bedingungen, die nahe an Sklaverei kommen, wenn sie nicht noch ärger sind.

Einige religiös-fanatische Systeme bieten keine Alternative, da sie, borniert und zutiefst intolerant, in ihrem eigenen Machtrausch ihre eigene Ausbeutung pflegen. Die früheren Kommunisten boten in ihrem Modell des Staatskapitalismus ebenfalls ein eigenes Ausbeutesystem; die gegenwärtigen Kommunisten, wovon eigentlich nur noch das Relikt Nordkorea sich so nennen dürfte, weil die anderen hochmoderne Zwiesysteme bilden, die weder kommunistisch noch staatskapitalistisch im älteren Sinne sind, sondern ausbeuterische Zwitterwesen, die den kapitalistischen Kern implementiert haben. Dort macht ebenfalls Arbeit nicht frei, auch wenn es gepredigt wird. Die Ausbeutung, man denke nur an die Millionen Wanderarbeiter in China, an die glorreichen Werktätigen in Nordkorea, an die Textilarbeiterinnen in Bangladesh oder die Taglöhner in Indien, ist extremer als in den westlichen Kapitalistenstaaten, auch wenn die Propaganda uns anderes glauben machen will.

Im Kulturellen, im allgemeinen Lebensvollzug wirkt sich die Maxime der Arbeit und der vermeintlich daraus folgenden Freiheit ebenfalls aus. Das bedingungslose Grundeinkommen hat es nicht zuletzt deshalb so schwer installiert zu werden, weil eine Mehrheit der Werktätigen ein Einkommen ohne Arbeitsgegenleistung nicht goutiert, außer eben bei Kapitalisten. Der alte Gegensatz von Arbeitszeit versus Freizeit gilt schon längst nicht mehr. Auch in der Freizeit pflegt man für gewöhnlich keinen Müßiggang. Der ist generell verpönt. Man arbeitet an seiner Freizeit und in der Freizeit, man organisiert, nimmt die Leistungen der Freizeitindustrie in Anspruch und frönt eine stetig wachsende Professionalisierung nach ausgeklügelten Nutzenkriterien. Da hat Müßiggang kein Platz; er würde als Verschwendung gelten.

Dass Arbeit eine Domäne von Sklaven sei, ist heute unvorstellbar. Friedrich Nietzsche bedachte noch diesen Umstand; eine Notiz aus dem Nachlass von 1883 hält fest: «Der Nutzen und das Vergnügen sind Sklaven-Theorien vom Leben. Der »Segen der Arbeit« ist eine Verherrlichung ihrer selber. – Unfähigkeit zum Otium.»

Es ist eines, den Zynismus der Nazis zu kritisieren, es ist ein anderes, den Segen der Arbeit unkritisch verallgemeinert hochzuhalten und sich damit einer durchgängigen Verwaltung auszuliefern, wo man sich als Ware nach fremden Marktgesetzen herrichtet und abrichtet. Weil der Müßiggang fehlt, weil Nachdenken und Reflektieren fehlen, weil die nervöse Dauerleistung auf Trab hält, sind die Unfreien auch in der Freizeit nicht frei, sondern eingespannt und abgespannt, Rädchen im Räderwerk der totalen Verwaltung.

Liest man die neueste Oxfam-Studie, hält man die Schlussfolgerungen kaum mehr aus und wundert sich, weshalb nicht weltweite Bürgerkriege sich gegen diese extremen Ausbeutungssysteme erwehren, sofort, ohne Warnung, so heftig, dass alle Armeen und Polizeiorganisationen nichts dagegen auszurichten vermögen. Aber die Ausbeuter, die Kriegsgewinnler, die Superreichen sind sicher. Einerseits wirkt die Unterdrückung, totale Überwachung und Kontrolle, andererseits haben die religiösen Terroristen die Bevölkerungen so traumatisiert, dass ein spezifischer Widerstand gegen die Superreichen, gegen die Systeme, die solche Superreiche ermöglichen, keine Chance auf Umsetzung hat, weil er nicht organisiert werden könnte, da es an Differenzierungen fehlt. Die Verbrechen in der «weißen Weste» werden also noch für Generationen Erfolg haben.

62 Individuen besitzen so viel Vermögen, wie die Hälfte der Weltbevölkerung. Die reichsten Firmen erfreuen sich besonderer Privilegien in gesicherten Steueroasen. Die Kürzung der Sozialleistungen werden gesteigert, die Gewinne der ganz, ganz wenigen Privilegierten wachen und wachsen. Die nächsten Kriege werden ihre Gewinne noch erhöhen. Die Entsprechung zum Slogan ARBEIT MACHT FREI heißt heute AN ECONOMY FOR THE 1%.

Fazit: 99% are down and out.

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