Der große Minnesota-Überfall

25.02.2016 Walter Gasperi

Seit der Stummfilmzeit widmeten sich zahlreiche Filme dem Banditen Jesse James und der James-Younger-Bande. Philip Kaufman beschränkt sich auf den letzten, gescheiterten Überfall auf die Bank von Northfield, Minnesota. Bei Koch Media ist der 1971 gedrehte Spätwestern auf DVD und Blu-ray erschienen.


Während Henry King in seinem klassischen Western «Jesse James» (1939) und Walter Hill in «Long Riders» (1980) die ganze Geschichte von den Anfängen der James-Younger-Bande bis zu ihrem Ende erzählten, und Andrew Dominik zuletzt im famosen «Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford» (2007) auf das letzte Lebensjahr des Bandenführers fokussierte, greift Philip Kaufman eine zentrale Episode heraus.

Die Vorgeschichte bis zur Vorbereitung des Überfalls auf die Bank von Northfield, Minnesota fasst ein Off-Erzähler während des Vorspanns zusammen und wird dabei mit formal unterschiedlich gestalten, mal schwarzweißen, mal monochrom roten Szenen illustriert. Schon zerfallen ist die Gang im Grunde als der Film einsetzt, schwer angeschossen Cole Younger (Cliff Robertson), der im Zentrum des Films steht und den Kaufman als Gegenpol zu Jesse James (Robert Duvall) aufbaut.

Während Younger ein Pragmatiker ist, der die Amnestie, die vom Staat Missouri in Aussicht gestellt wird, annehmen will, erscheint Jesse James als Visionär, der mit seiner Begeisterung die Bandenmitglieder anstecken und mitreißen kann.

Doch auch die Gesellschaft zeigt Kaufman als gespalten. Denn während die Eisenbahngesellschaft die Detektivagentur Pinkerton engagierte, um die Bande zu jagen und deren Mitglieder zu töten, sieht ein großer Teil der Bevölkerung in Jesse James einen neuen Robin Hood, der gegen die kapitalistische Eisenbahngesellschaft kämpft, die die kleinen Farmer enteignet.

So entwirft Kaufman in verwaschenen Farben ein unsentimentales und dunkles Bild vom beginnenden Kapitalismus in den USA. Hier werden nicht nur politische Entscheidungen durch Schmiergeld beeinflusst, sondern auch die Banken streben ohne Rücksicht auf die kleinen Sparer nur die Vermehrung ihres Vermögens an.

Weniger als Banditen als vielmehr als – wie sie sich selbst bezeichnen – Guerilleros im Kampf gegen verbrecherische Kapitalisten zeichnet Kaufman folglich die James-Younger-Bande, verfällt dabei aber nicht in falsche Heldenverehrung.

Gleichzeitig bietet «Der große Minnesota-Überfall» immer wieder Einblick in den technischen und gesellschaftlichen Umbruch dieser Zeit. Viel Zeit lässt sich der Film hier für die Schilderung eines Baseball-Spiels, das von einigen als der Nationalsport angesehen wird, während Jesse James diesen im Schießen sieht. Fasziniert blickt Cole Younger, der besonderes Interesse für technische Neuerungen zeigt, einem von einer Dampfmaschine angetriebenen Traktor nach oder begutachtet eine Dampforgel, die auf den Straßen von Northfield aufgestellt wird.

Obwohl Kaufman sich viel Zeit für die Zeichnung der Figuren und die gesellschaftlichen Verhältnisse lässt, fehlen freilich auch mehrere bleihaltige Showdowns nicht, doch dem Off-Erzähler wird es wieder überlassen vom Ende von Cole Younger und Jesse James zu erzählen.

An Sprachversionen bietet die bei Koch Media erschienene DVD und Blu-ray die englische Original- und die deutsche Synchronfassung, aber keine Untertitel. Die Extras beschränken sich auf den originalen amerikanischen Kinotrailer und eine Bildergalerie.

Trailer zu «Der große Minnesota-Überfall»

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.