The Hateful Eight

02.02.2016 Walter Gasperi

Nach «Django Unchained» legt Quentin Tarantino seinen zweiten Western vor. Dominierte aber dort die Action, so ist «The Hateful Eight» als von Dialogen bestimmtes Kammerspiel angelegt, in das erst gegen Ende überzogen groteske Gewaltszenen Einzug halten: Mit fast drei Stunden ein über alle Maßen aufgeblasener Film, der gleichwohl durchgehend unterhält.


Fast wäre «The Hateful Eight» nie auf die Leinwand gekommen, denn nachdem im Januar 2014 das Drehbuchs über Internet publik geworden war, wollte Quentin Tarantino das Projekt ablasen. Erst eine Lesung des Drehbuchs im Frühjahr 2014 durch Tarantino selbst sowie mehrere spätere Darsteller wie Samuel L. Jackson und Kurt Russell im Ace Hotel Theatre in Los Angeles vor 1600 Fans bewegten den Regisseur zum Umdenken.

Nicht nur verfilmen wollte er nun sein Skript, sondern wirklich großes Kino daraus machen. Er drehte folglich nicht digital, sondern auf echtem Film und nicht auf 35mm, sondern auf 65mm-Film im Format Ultra Panavision 70. Über die technische Ausstattung, um diese Fassung, die mit 187 Minuten auch 20 Minuten länger als die reguläre Kinofassung ist, zu zeigen, verfügen freilich nur noch ganz wenige Kinos.

Doch auch diese – wie das Innsbrucker Leo Kino – schrecken teilweise aufgrund horrender Mindestgarantien, die dafür verlangt werden, davor zurück. In Österreich ist «The Hateful Eight» nur im Wiener Gartenbaukino, in Deutschland im Berliner Zoo-Palast, in der Lichtburg in Essen, im Savoy in Hamburg und der Schauburg in Karlsruhe in dieser 70mm-Fassung zu sehen.

Doch nicht nur mit dem Dreh auf Zelluloid und dem in den 1960er Jahren eingeführten Super-Breitwand-Format widersetzt sich «The Hateful Eight» den Spielregeln des Kinos, sondern auch in der Verwendung dieses Formats. Denn statt großes Open-Air-Kino zu bieten, das in Landschaftstotalen und Massenszenen schwelgt, inszeniert Tarantino ein dreistündiges Kammerspiel, das ganz von den Dialogen und den Schauspielern lebt.

Der kurz nach Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs in Wyoming spielende Western beginnt zwar mit Landschaftstotalen einer verschneiten Berglandschaft und einem verschneiten Kruzifix, von dem die Kamera langsam zurückgleitet, doch schon wenn der schwarze Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson) eine Postkutsche stoppt, wird der filmische Raum eingeengt.

Denn im Innern der Kutsche entspinnt sich nun eine Diskussion zwischen Warren und dem Kopfgeldjäger John Ruth (Kurt Russell), der seine Gefangene Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) in der nächsten Stadt lebend abgeben möchte. Bald kommt als weiterer Fahrgast noch der junge Mannix (Walton Goggins) dazu, der sich als zukünftiger Sheriff der nächsten Stadt vorstellt.

Nur wenige Aufnahmen der galoppierenden Pferde kontrastieren die räumliche Enge. An die Stelle der Kutsche tritt dabei ein Blockhaus, als ein Schneesturm das Quartett und den Kutscher veranlasst, einen Zwischenstopp in Minnies Miederwarenladen einzulegen.

Dort treffen sie auf fünf weitere Personen und es entwickelt sich ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem keiner dem anderen traut, jeder lügt und speziell Warren mit scharfer Beobachtungsgabe die Wahrheit aufzudecken versucht.

Ein starker Kontrast bietet der in warme Brauntöne getauchte und von Kameramann Robert Richardson großartig ausgeleuchtete Innenraum zum draußen tobenden Schneesturm. Mehr Agatha-Christie-Krimi im Stil von «And Then There Were None» mit Samuel L. Jackson als Hercule Poirot als ein Western ist «The Hateful Eight» und gleichzeitig eine Rückkehr zu Tarantinos Debüt «Reservoir Dogs» (1991), in dem sich eine Gruppe von Gangstern nach einem gescheiterten Banküberfall in einer Garage gegenseitig belauert und aushört.

Quasi in Echtzeit und konzentriert auf diesen einen Ort erzählt Tarantino von der Konfrontation dieser alles andere als sympathischen Typen. Praktisch nichts passiert bis kurz vor Tarantinos fix eingeplanter Pause, ganz von den Dialogen und den lustvoll aufspielenden Schauspielern lebt der Film.

Von der ersten Szene an erweist sich der 52-jährige Regisseur dabei wieder einmal als Meister des Slowburn, der Dehnung und Retardierung. Mit größter Ruhe und Langsamkeit entwickelt er Szenen, die langsam aber sicher auf eine Explosion zuzusteuern scheinen.

Ist die erste Hälfte des in mehrere Kapitel gegliederten Films - abgesehen von einer kurzen Rückblende – überraschend geradlinig inszeniert, so beginnt Tarantino nach der Pause nicht nur den Zuschauer zunehmend zu düpieren, sondern spart gegen Ende hin auch nicht mit für ihn typischen, grotesk überzogenen blutigen Gewaltszenen.

Da meldet sich dann plötzlich ein - im Original von Tarantino selbst gesprochener - allwissender Erzähler zu Wort, der die Inszenierung transparent macht, oder in einer langen Rückblende wird die Vorgeschichte aufgerollt. So virtuos das freilich auch gemacht, so unübersehbar ist auch, dass hier einer wieder einmal seine Künste selbstverliebt und ausgedehnt zelebrieren will und eine kleine Geschichte über alle Maßen aufbläst.

Nicht fehlen dürfen freilich auch zahlreiche Anspielungen auf die Filmgeschichte, Doch nur wenige werden im Namen des Majors eine Hommage an den Westernproduzenten Charles Marquis Warren oder im Namen des Sheriffs an die TV-Serie «Mannix» sowie im blutverspritzten Gesicht von Jennifer Jason Leigh an Brian De Palmas «Carrie» erkennen.

Offensichtlicher ist die Anspielung des Titels auf John Sturges´ «The Magnificent Seven», zu dessen heldenhaften Figuren hier eine Gegendarstellung geboten wird, spannend wäre auch eine neuerlich Begutachtung von John Carpenters Horrorfilm «The Thing», auf den sich Tarantino dezidiert als Vorbild bezieht und mit dem «The Hateful Eight» auch der Hauptdarsteller Kurt Russell verbindet.

Auch als Auseinandersetzung mit der Zerrissenheit der USA nach dem amerikanischen Bürgerkrieg und heutigen gesellschaftlichen Spannungen sowie dem Rassismus funktioniert «The Hateful Eight» kaum. Zu wenig zwingend ist dieser Western in inhaltlicher Hinsicht, bleibt mehr eine meisterhafte Fingerübung, die zwar mit geschliffenen Dialogen und bestens aufgelegten Schauspielern bestens unterhält, es aber an Substanz vermissen lässt.

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