Der inkorrekte Tonfall

24.01.2016 Haimo L. Handl

Der Deutsche und Deutschschweizer PEN haben Anfang Januar u.a. Israel kritisiert und ihre Besorgnis über neue Gesetzesmaßnahmen geäußert, nach denen vor allem die Arbeit linker, oft vom Ausland finanzierter NGOs behindert, wenn nicht verunmöglicht wird (ähnlich wie in Putins Russland). Das entzündete eine viel kritischere Besorgnis hinsichtlich eines vermeintlichen Antisemitismus bzw. böser, einseitiger und überzogener Kritik an Israel.


Der deutsche DJ und Literatursampler Thomas Meinecke, Jahrgang 1955, der auch als Poetik-Dozent 2012 eine Poetik-Vorlesung hielt, bei der er nur Fremdes zitierte und Platten auflegte, und damit Aufsehen erregte und Applaus einheimste, tat öffentlich seinen Austritt aus dem PEN kund als Protest gegen den dort geübten Antisemitismus. Die Medien nahmen die Sensationsmeldung dankbar auf, fragten kaum nach Gründen bzw. hinterfragten nicht die Haltung des Gekränkt-Besorgten, sondern titelten mediengeil den Antisemitismus.

Der PEN hatte u.a. geschrieben:

«Der vorliegende Gesetzentwurf gibt jedoch Grund zur Befürchtung, dass das Gesetz vor allem dazu dienen wird, die Arbeit regierungskritischer Organisationen zu erschweren und zu verhindern. Während nämlich kritische, »linksgerichtete« NGO, die öffentliche Fördermittel aus dem Ausland erhalten, verschärften Kontrollen unterliegen sollen, gilt dies nicht für »rechtsgerichtete« Gruppen, die ihre Spenden oftmals auch aus dem Ausland, aber in der Regel von privaten Sponsoren erhalten.»

Solche Kritik und Besorgnis hat er auch gegenüber anderen Staaten, die ähnliche Maßnahmen ergriffen, geäußert.

Thomas Meinecke liest aber Antisemitismus heraus. In einem Beitrag des Deutschlandradios vom 21.1.2016 heißt es: «Er lese aus Formulierungen wie »private Sponsoren« das klassische antisemitische Topos vom »internationalen jüdischen Kapital« heraus. Eine solche, zudem noch stark belehrend daher kommende Erklärung stehe Deutschland gegenüber Israel nicht zu.» Weiters heißt es: «Meinecke sagte, als Sohn eines ehemaligen Wehrmachtsangehörigen habe er jedoch das Gefühl: »Das steht mir nicht zu, gegenüber Israel diesen Ton anzuschlagen, egal welcher Regierung gegenüber.« Er reagiere auf dieses Thema »hochempfindlich«. Ihn habe bereits vor Jahren, als PEN-Neuling, gestört, dass niemand Günter Grass nach dessen Israel-Attacke nahegelegt habe, seinen Posten als Ehrenpräsident zu räumen. Im Gegenteil: Man habe ihn sogar verteidigt.»

Das zeigt ein Problem Meineckes auf, das er verallgemeinert. Es dokumentiert seine Haltung und Akzept der Sippenhaftung und Kollektivschuld. Das geht aber übers Private hinaus. Hier übt einer Kritik als Entlastung für eine idiosynkratische Beschädigung. Sie folgt einer völlig inakzeptablen, frechen Haltung, wie sie die Polen wieder aktivieren, deren Kulturminister Piotr Glinski kürzlich öffentlich sagte: «Die Deutschen haben die Rechnung mit uns nicht beglichen». «Sie haben weniger Recht (Polen zu kritisieren), sie werden noch für ein paar Generationen weniger Recht haben».

Das ist Klartext. Der polnische Kulturminister befragt natürlich nicht die Geschichte über den ureigenen polnischen Antisemitismus, die polnischen Gräueltaten im Mantel des katholisch-antisemitischen Chauvinismus. Er erinnert nicht an die wüsten, wütenden Angriffe in Polen gegen Jan T. Gross [Der Mord an den Juden von Jedwabne] oder Anna Bikont [The Crime and the Silence]. Das ginge zu weit. Denn Polen versteht sich als Opfer und sieht Deutschland als Täter. Wichtig dabei ist, dass Deutschland Täter bleibt. Freundlicherweise vergönnt der freundliche Herr aus Warschau den Deutschen einen Lichtblick für die ferne Zukunft: die Schuld bleibe noch einige Generationen, also nicht ewig. Wie nett.

Bemerkenswert ist, dass die polnische Regierung in Deutschland Unterstützung fand, wo sofort besorgte Gutmenschen warnten, dass man die Polen nicht beleidigen dürfe, keine herrschaftlichen Töne anstimme oder herbe Kritik übe, die den Deutschen nun mal nicht anstünde. So argumentiert auch Meinecke. Was steht wem aber zu? Wer entscheidet darüber? Herr Meinecke sagte, wie in der TAZ vom 21.1.2016 nachzulesen ist: «Ich bin bei dieser Thematik vielleicht sensibler als andere, dennoch finde ich, dass es in Deutschland oft eine generelle »Man wird ja wohl noch sagen dürfen«-Legitimationshaltung gibt, die sehr gefährlich ist. Wenn P.E.N. diese Erklärung, mit der ich nicht einverstanden bin, herausgeben möchte, geschieht dies automatisch auch in meinem Namen. Daher ist mein Austritt eine rein persönliche Entscheidung.»

Er ist nicht überzeugend. Wäre es nur seine «rein persönliche Entscheidung», hätte er sie nicht öffentlich machen müssen. Aber er tritt in die Öffentlichkeit und verurteilt öffentlich. Dabei ist er frech im Vergleich des PEN zur Haltung «Man wird ja wohl noch sagen dürfen». Doch das stützt er ab mit dem Hinweis auf den Antisemiten und Nazi Grass. Ein Gutmensch also, der SEINE Sicht und Wahrheit zur verbindlichen macht, und dabei sich in guter Gesellschaft wähnt, wie die Beifall kläffende Meute der «Besorgten» bestätigt. Nur weil sie das Gegenüber des Pegida-AfD-Lagers bildet, ist diese Hetze aber nicht hinzunehmen.

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