Anomalisa

16.02.2016 Walter Gasperi

Ein ausgebrannter Motivationstrainer lernt in einem Hotel eine schüchterne junge Frau kennen und verliebt sich. – Ein Ausweg aus seiner Krise? – Berührender und feinfühliger als die meisten Realfilme erzählen Charlie Kaufman und Duke Johnson in ihrem ziemlich einzigartigen Puppenfilm von Entfremdung, Einsamkeit und der Sehnsucht nach Liebe und erfülltem Leben.


Bevor man etwas sieht, hört man Stimmen aus dem Off, aber kein Gespräch, keine Sätze, sondern nur Wortfetzen und Gemurmel. Über die Wolken entführen uns dann die ersten Bilder und das Passieren eines Flugzeugs wird aus dem Off kommentiert, während man davon abgesehen wiederum fast nur Gemurmel hört.

Erst eine Kamerarückwärtsfahrt verschafft Orientierung, führt uns durch ein Fenster ins Innere eines anderen Flugzeugs und zu dem Motivationstrainer Michael Stone. Eher unglücklich als motiviert blickt er selbst freilich, reagiert mürrisch auf die Versuche seines Sitznachbarn ein Gespräch zu beginnen. Auch der redefreudige Taxifahrer, der ihn vom Flughafen in Cincinnati, wo er einen Vortrag über Kundenbetreuung halten soll, zum Hotel bringt, nervt ihn nur.

Wie das Gemurmel der Stimmen am Beginn ist die Welt für Stone ein konturloser Brei, ein Einerlei, bei dem auch alle Menschen, denen er begegnet die gleichen Gesichtszüge tragen – und folglich auch alle im Original von Tom Noonan gesprochen werden.

Kein Zufall ist so freilich auch, dass das Hotel, in dem er logiert «Fregoli» heißt, wird damit doch auf den italienischen Verwandlungskünstler Leopoldo Fregoli, der bekannt dafür war durch schnelles Wechseln der Kleidung und Verstellen der Stimme in andere Charaktere zu schlüpfen und nach dem auch ein Syndrom benannt wurde, angespielt.

Der gebückte Gang, jeder Blick, jeder Geste vermitteln, wie ausgebrannt Stone – auch das freilich ein sprechender Name – ist, wie sehr er jedes Gefühl für sich und die Welt verloren hat. Lustlos bezieht er sein Zimmer, telefoniert kurz mit Frau und Sohn, wobei man merkt, wie wenig sie sich zu sagen haben, und verabredet sich dann mit einer früheren Freundin in der Hotelbar.

Doch während diese Begegnung in einem Desaster endet, begegnet er auf dem Rückweg in sein Zimmer zwei jungen Damen, die extra für seinen Vortrag angereist sind. Mit ihnen geht er nochmals in die Bar und ist zunehmend berührt von der schüchternen Lisa, die eben nicht der Uniformität der anderen Menschen entspricht.

Ganz im Alltäglichen spielt dieser in Stop-Motion-Technik und mit Puppen aus dem 3-D-Drucker gedrehte Animationsfilm. Das Surreale, das Charlie Kaufmans früheren Drehbücher zu Spike Jonzes «Being John Malkovich» oder Michel Gondrys «Vergiss mein nicht! - Eternal Sunshine of The Spotless Mind» fehlt dieser Verfilmung seines eigenen unter dem Pseudonym Francis Fregoli (!) veröffentlichten Theaterstücks völlig. Vielmehr fühlt man sich an die Einsamkeits- und Entfremdungsstudien von Sofia Coppola («Lost in Translation», «Somewhere») oder auch die Filme von Michelangelo Antonioni erinnert.

Nahe gehen einem die Figuren deshalb, weil sie in einem mit bestechendem Detailreichtum gezeichneten Umfeld verankert sind und weil Kaufmans und Johnsons Blick auf seine verlorenen Protagonisten voll Liebe und Mitgefühl ist. So kann man sich einerseits mit Stone und Lisa, die eben eine Anomalie in der monoton-uniformen Welt ist, identifizieren, andererseits erzeugen sie als Puppen, deren Künstlichkeit noch durch einen Riss am Kopf verstärkt und betont wird, eine gewisse Distanz.

Wunderbar unterstützt wird die melancholische Stimmung der Verlorenheit dabei auch durch die Musik von Carter Burwell. So entwickelt eine im Grunde kleine Geschichte, die sich nur über eine Nacht erstreckt und die in einem Realfilm schon eine ziemliche abgegriffene Angelegenheit wäre, im Puppenfilm ganz eigene Poesie und eigenen Reiz.

Selbst eine Sexszene, die man sich eigentlich nur mit realen Schauspielern vorstellen kann, wird hier im langsamen Aufbau und der Zartheit bewegender und gefühlvoller als die meisten ähnlichen Realszenen.

Und gleichzeitig bietet der Animationsfilm die Möglichkeit den Protagonisten im wahrsten Sinne des Wortes einmal einen Teil seines Gesichts verlieren zu lassen oder ihn aber auch in einen kafkaesken Albtraum zu schicken.

Ob diese «Himmelsgöttin» - wie Lisa ihren Spitznamen «Anomalisa» aus dem Japanischen übersetzt - Stone freilich retten kann, bleibt offen, aber nicht nur ihn, sondern auch den Zuschauer wird sie mit ihrer Schüchternheit oder wenn sie Cindy Laupers «Girls Just Wanna Have Fun» zunächst zurückhaltend, dann immer entschlossener und schließlich auch in einer italienischen Version singt, rühren.

Bestechend schließt das Regie-Duo am Ende dieses über die Crowdfounding-Plattform kickstarter.com von über 5000 Kaufman-Fans mit 400.000 Dollar mitfinanzierten Films auch den Kreis zum Anfang, wenn wieder zu Schwarzfilm ein Gemurmel zu hören ist und der Abspannsong nochmals explizit die Frage stellt, was es denn heißt zu leben und zu lieben - ein Mensch zu sein.

TaSKino Feldkirch im Kino Rio: Do 18.2. - Di 23.2. (engl. O.m.U.)
Spielboden Dornbirn: Sa 30.4. + Fr 6.5. - jeweils 19.30 Uhr (engl. O.m.U.)

Trailer zu «Anomalisa»

weiterführende Links:

Anomalisa

weiterführende Links:

Anomalisa

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.