Creed - Rocky´s Legacy

19.01.2016 Walter Gasperi

Formelhaft sind Boxerfilme meist, doch Ryan Coogler gelingen im siebten Film der Rocky-Saga doch einige Variationen und Modernisierungen, vor allem aber eine charmante Verneigung vor dem fast 40 Jahre alten Original: Modernes Kino schaut anders aus, aber ein rund erzählter, durch und durch amerikanischer Film ist das allemal.


Den Sprung vom Erziehungsheim in einen soliden Bürojob in einer Bank und eine Luxusvilla schafft Ryan Coogler («Fruitvale Station») im siebten Film der Rocky-Saga in weniger als fünf Minuten. Da überspringt er locker mit einem Schnitt auch 17 Jahre, stellt Adonis Johnson im Jugendheim zunächst als Kämpfer vor, verschafft ihm dann als unehelicher Sohn des vor seiner Geburt verstorbenen Boxchampions Apollo Creed einen biographischen Background und mit Creeds Frau eine Adoptivmutter, die ihn aus dem Heim holt und in ihrer Luxuswelt aufnimmt.

Doch die berufliche Karriere interessiert Adonis (stark: Michael B. Jordan) nicht, viel lieber nimmt er an illegalen Boxkämpfen in Mexiko teil. So kündigt er und fliegt von Kalifornien nach Philadelphia, um sich dort von Rocky Balboa (Sylvester Stallone), dem einstigen Gegner und Freund seines Vaters, trainieren zu lassen. – Ökonomischer und kompakter als in dieser Exposition kann man kaum erzählen, was folgt ist die klassische – und durchaus auch formelhafte – Geschichte vom langen Weg zum großen Kampf, mit dem der Film enden wird.

Und doch gelingen Coogler hier gleich von Anfang an schöne Variationen. Für einmal kommt nämlich der junge Boxer nicht aus der Gosse, sondern gehört der Oberschicht an. Adonis will nicht wie Paul Newman in Robert Wises «Somebody Up There Likes Me» und zahlreiche Film-Boxer in seiner Nachfolge in den Ring steigen, weil dies der einzige Weg zu gesellschaftlichem Aufstieg ist, sondern vielmehr damit aus dem Schatten des übermächtigen Vaters treten, beweisen, wer er selbst ist.

Da muss er sich dann auch zuerst in den schummrigen Boxhallen Anerkennung erkämpfen, denn Typen wie ihn sieht man hier nicht gerne. Auch der Versuch Rocky, der inzwischen ein italienisches Restaurant führt, als Trainer zu gewinnen, gestaltet sich als schwierig.

Hartnäckig weigert sich der gealterte Boxer zunächst, lässt sich erst langsam überreden. Mit Witz und einer gehörigen Portion Melancholie spielt der 69-jährige Sylvester Stallone die Figur, mit der er vor 40 Jahren den Durchbruch schaffte. Er spielt dabei nicht nur einen Trainer, sondern reflektiert ganz selbst auch über das Vergehen der Zeit und das Altern.

Wenn er seinem Schützling erklärt, dass die Zeit der härteste, weil der einzige unschlagbare Gegner ist, dann fließen Rolle und Person zusammen und «Creed - Rocky´s Legacy» weitet sich weit über den Boxerfilm zum universellen Film über das Leben.

Schön über die 130 Minuten verteilt wird dann auch nur dreimal im Ring gekämpft. Nach einem kurzen illegalen Kampf in Mexiko boxt Adonis erst wieder etwa in der Mitte des Films gegen einen Gegner, ehe die Vorbereitungen für den großen finalen Kampf beginnen, an dem der Manager des Konkurrenten nur wegen des gut vermarktbaren Namens von Adonis´ Vaters interessiert ist.

Mehr als die Kämpfe steht so der lange und harte Weg dorthin im Mittelpunkt, den Coogler in perfekt geschnittenen, wunderbar fließenden Montagesequenzen (Schnitt: Claudia Castello und Michael P. Shawver) vermittelt. Gleichzeitig wird der Boxkampf immer mit dem Kampf im Leben verknüpft, wenn Adonis eine junge Sängerin kennenlernt, die ihr Gehör zu verlieren droht, oder wenn Rocky einen schweren Rückschlag erleidet.

Da erzählt dann «Creed» auch vom langsamen Wachsen einer Freundschaft, von Vertrauen und gegenseitigem Ansporn und ist im Kern ein Film über die Wichtigkeit solcher Beziehungen, die immer wieder Kraft geben und den anderen antreiben. Da wird nicht nur Adonis Rocky zum Kampf gegen das Schicksal anstacheln, sondern ihn selbst wird auch, nachdem er schwer geschlagen in endloser Zeitlupe im Ring zu Boden ging, die Erinnerung an die Menschen, die in seinem Leben wichtig waren und sind, sich nochmals hochrappeln und seine letzten Kräften sammeln lassen.

Das ist aber nicht nur rund erzählt und durchaus auch auf eine sympathische Art sentimental, sondern – wie zuletzt J. J. Abrams in «Star Wars 7: Das Erwachen der Macht» – knüpft auch Ryan Coogler immer wieder gekonnt, aber nie aufdringlich an das 40 Jahre alte Original an und erweist ihm seine Reverenz.

Denn wie «Rocky» ist auch «Creed» – nicht zuletzt dank der hervorragenden Kameraarbeit von Maryse Alberti, die immer nah dran an den Figuren ist - atmosphärisch sehr dicht und stimmig in die desolaten Viertel Philadelphias und die Boxhallen eingebettet. Wie dort rennt Adonis gefolgt von zahlreichen Jugendlichen – die nun aber nicht rennen, sondern ihm auf Mopeds und Quads folgen – durch die Straßen der Ostküstenmetropole und auch die Musik von Ludwig Göransson variiert immer wieder leichthändig den Soundtrack von Bill Conti.

Auch der packend inszenierte beinharte Kampf um den WM-Titel orientiert sich am großen Kampf in «Rocky» und am Ende darf auch der berühmte Gang über die 72 Stufen zum Eingang des Philadelphia Museum of Art nicht fehlen.

Doch auch in dieser Schlussszene erweist Coogler eben nicht nur «Rocky» seine Reverenz, sondern erzählt auch wieder vom Altern, denn während der Junge Adonis locker hochsteigt, macht seinem Mentor und Freund das Treppensteigen sichtlich Mühe. Noch einmal wird hier plastisch vor Augen geführt, was Rocky schon am Beginn verbal formulierte: «Unschlagbar ist nur die Zeit. Sie besiegt alle.»

Läuft derzeit im Cineplexx Hohenems

Trailer zu «Creed - Rocky´s Legacy»

weiterführende Links:

Creed - Rocky´s Legacy (c) 2015 Warner Bros. Ent.

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