Das brandneue Testament

26.01.2016 Walter Gasperi

Der Belgier Jaco van Dormael schickt die zehnjährige Tochter von Gott in die Welt, um sich an ihrem jähzornigen Vater zu rächen.- Eine vor Einfallreichtum überbordende Komödie, die verspielt große Fragen aufwirft.


Mit seinem Debüt «Toto le héros» landete Jaco van Dormael 1991 auf Anhieb einen großen Erfolg bei Publikum und Kritik, doch schon nach seinem zweiten Spielfilm «Le huitième jour» (1996) wurde es wieder ruhig um den 1957 geborenen Belgier. Jetzt meldet sich van Dormael mit einer fulminanten Komödie eindrücklich wieder zurück.

Gott existiert und er lebt in Brüssel. – Das ist die erste Botschaft der zehnjährigen Éa (Pili Groyne), die die Erzählerin des Films ist. Sie muss das wissen, denn immerhin ist sie die Tochter des Allmächtigen und wohnt mit ihrer Mutter (wunderbar: Yolande Moreau) sowie Gott (Benoît Poelvoorde) in einer kleinen Wohnung in einem Hochhaus. Kein gütiger und verzeihender Gott ist das aber, sondern ein im verdreckten Bademantel und unrasiert durch die Wohnung schlurfender, cholerischer Mann.

Ging schon bei der Schöpfung einiges schief, so denkt er sich nun in seinem von riesigen Karteikästen dominierten Büro am Computer fiese Gebote aus, um die Menschen zu ärgern, oder sorgt für diverse Katastrophen.

Schon bei dieser Eröffnung brennt van Dormael ein wahres Feuerwerk an inszenatorischen und inhaltlichen Einfällen ab, das an die Filme von Jean-Pierre-Jeunet («Le Fabuleux destin d'Amélie Poulain») erinnert. Nie geraten dem Belgier dabei die Gags aber zum Selbstzweck, sondern immer sind damit auch große Fragen verknüpft.

Während die Gattin den Jähzorn und die Schikanen ihres Mannes duldend hinnimmt, hat Éa bald die Nase voll. Sie holt sich Tipps bei der Statue ihres Bruders JC, der einst die Familie verließ, hackt den Computer des Vaters und sendet den Menschen per SMS ihre Todesdaten. Dann haut sie ab und macht sich auf die Suche nach sechs Getreuen, um die Zahl der Apostel auf 18 zu erhöhen und ein neues Testament zu schreiben.

Zum Epsiodenhaften mag «Das brandneue Testament» bei der Suche nach diesen sechs Aposteln tendieren, doch die Fülle der Ideen lässt locker darüber hinwegsehen. So wirft van Dormael mit schwarzem Humor in weniger als einer Minute die Frage auf, wie sich die Kenntnis des Todesdatums aufs Leben auswirkt. Seine Protagonistin wiederum lässt er einen Weg in die Welt finden, der wohl von Spike Jonzes «Being John Malkovich» inspiriert ist.

In Windeseile wird mit Éa als Erzählerin die Kindheit der sechs potentiellen neuen Apostel aufgerollt und vom Zerbrechen großer Lebensträume am tristen Alltag erzählt.

Doch Éa wird einen Geschäftsmann ebenso wie einen Auftragskiller (François Damiens), einen Sexbesessenen, der keine Liebe kennt, oder eine gedemütigte vornehme Dame (Catherine Deneuve) an die Musik erinnern, die zu ihnen gehört. Sie wird diese unglücklichen Menschen aus ihrem inneren Gefängnis befreien, den Fokus angesichts der Gewissheit des Todes wieder auf das Wesentliche richten und eine neue – manchmal auch überraschende – Liebe entdecken lassen.

Gott freilich, der seine Tochter verfolgt, wird bald am eigenen Leib die Auswirkungen seiner Gemeinheiten zu spüren bekommen. Éa selbst wird er aber nicht schnappen können, denn während sie übers Wasser gehen kann, muss er sich schwimmend ans Land retten.

Wunderbar frech spielt van Dormael mit Elementen aus der Bibel, lässt den alttestamentarischen rächenden Gott auch mit seinem Sohn JC abrechnen, der seine Lehre auf den Kopf gestellt habe, und etabliert mit der Vermehrung der Apostel auch neue Machtverhältnisse in der göttlichen Familie.

Lustvoll hinterfragt van Dormael in der spielerisch leichten Inszenierung so zwar das Gottesbild, dennoch steht im Zentrum dieser herrlichen Komödie letztlich der Mensch und das irdische Leben. Denn egal wieviel Lebenszeit jedem Einzelnen bleibt, unumgänglich ist letztlich der Tod, sodass die Lebenszeit genützt und Träume gelebt werden müssen, auch wenn ein göttlicher Machtwechsel von einem cholerischen Mann an eine sanfte Frau diese Welt vielleicht bunter und fröhlicher machen könnte.

Läuft derzeit im Cinema Dornbirn und im Kino Rio in Feldkirch (deutsche Fassung)
Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Do 11.2., 20 Uhr + Sa 13.2., 22 Uhr (franz. O.m.U.)

Trailer zu «Das brandneue Testament»

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