Das Wunder von Mailand - Miracolo a Milano

28.01.2016 Walter Gasperi

Nach den Erfolgen mit «Schuhputzer» (1946) und «Fahrraddiebe» (1948) verbanden Vittorio De Sica und Cesare Zavattini 1951 die präzise neorealistische Beschreibung des Lebens von gesellschaftlichen Außenseitern mit einer märchenhaften Komponente. Bei Pidax Film ist dieser Klassiker, der immer noch durch seinen Einfallsreichtum und seine Warmherzigkeit begeistert, in digital restaurierter Fassung auf DVD erschienen.


«Es war einmal…» – schon das Vorspanninsert stimmt auf ein Märchen ein und damit auch auf einen Bruch mit den Filmen, die Vittorio De Sica und sein Drehbuchautor Cesare Zavattini zuvor gedreht hatten. Denn «Schuhputzer» (1946) und «Fahrraddiebe» (1948) konzentrierten sich ganz auf die realistische Schilderung des tristen Alltags in der italienischen Nachkriegszeit.

In «Das Wunder von Mailand», der auf Zavattinis 1943 erschienenem Roman «Totò il buono - Das Wunder von Bamba» beruht, erzeugt aber auch gleich die erste Einstellung mit einem putzigen Häuschen an einem kleinen Bach eine märchenhafte Stimmung. Gesteigert wird diese freilich noch dadurch, dass die alte Lolotta in ihrem Gemüsegarten zwischen dem Kohl ein Baby findet.

Mit einem Schnitt werden Jahre übersprungen, ist Totò sechs und nach dem folgenden Schnitt ist Lolotta schon verstorben und der Junge folgt einem von Pferden gezogenen Leichenwagen durch ein winterlich kaltes Mailand. Nach dem nächsten Schnitt wird er in ein Waisenhaus eingeliefert, das er nach dem nächsten Schnitt – und gute 10 Jahre später – wieder verlässt.

Ein Wunder an erzählerischer Ökonomie sind diese ersten zehn Minuten, die fast ohne Dialog auskommen. Erst langsam werden sich jetzt die Worte in den Film einschleichen, erst nach weiteren zehn Minuten wird wirklich ausführlich gesprochen werden.

Ein naiver Menschenfreund ist dieser Totò (Francesco Golisano), voll Güte und Herzlichkeit. Er grüßt alle Passanten auf der Straße, auch wenn sich diese dadurch aber nur gestört fühlen, stellt zwar den Mann, der ihm seine Tasche gestohlen hat, schenkt ihm dann aber diese. Immerhin wird er Totò dafür Unterkunft gewähren – freilich in einem Zelt auf einem Feld am Rand von Mailand.

So märchenhaft die Szene ist, in der hier die Obdachlosen von einem Sonnenfleck zum nächsten rennen, um etwas Wärme zu erhaschen, so genau, aber auch mitfühlend ist De Sicas und Zavattinis Blick auf die Not der Menschen. Prägnant wird die soziale Kluft in ein Bild gefasst, wenn im Kontrast zu den Obdachlosen auf dem nahen Gleis ein Schnellzug passiert, in dem die Oberschicht feiert.

Totò wird hier eine Barackensiedlung aufbauen, die zum Fluchtpunkt für zahlreiche Arme, aber auch Migranten wird. Er liebt die Menschen, will allen helfen und leidet mit ihnen, wenn sie Rückenschmerzen haben, verzieht sein Gesicht, wenn sie ein entstelltes Gesicht haben.

Doch bald stellt sich auf dem Feld am Stadtrand auch ein reicher Spekulant ein. Nicht nur der Gegensatz von zerlumpten Kleidern und Pelzmantel und Zylinder macht das gesellschaftliche Gefälle sichtbar, sondern auch die Untersicht, mit der die Kamera den Kapitalisten immer wieder übergroß und mächtig erscheinen lässt.

Zwar gibt sich dieser Mobbi (Guglielmo Barnabo) zunächst leutselig, betont die Gleichheit aller Menschen, wird aber, nachdem eine Ölquelle im Lager zu sprudeln begann, ein Räumungskommando schicken. Chancenlos wären die Randständigen, brächte da nicht Totòs verstorbene Ziehmutter vom Himmel Hilfe in Gestalt einer wundertätigen weißen Taube.

Mit dieser kann Totò nicht nur die Räumung des Lagers verhindern, weil die Polizisten statt zum Angriff aufzurufen Opernarien singen, sich die Obdachlosen gegen die Wasserwerfer mit Schirmen schützen können oder die Soldaten auf dem plötzlich vereisten Boden wegrutschen, sondern er kann auch den Bewohnern die unsinnigsten Wünsche vom Pelzmantel über einen Kronleuchter bis zum Schrank, der gar nicht in ihre Hütte passt, erfüllen.

Da fehlt dann auch eine am amerikanischen Musical orientierte Szene nicht, wenn eine Gipsfigur belebt wird, zu tanzen beginnt und vom Leben in der Stadt träumt.

Auf Missbrauch der göttlichen Gabe muss freilich deren Entzug folgen, dennoch gelingt es Totò und seinen Freunden auf dem Domplatz von Mailand der Polizei mittels Besen in Richtung Himmel – eine Szene, die Steven Spielberg zur Flucht mit den Fahrrädern in «E.T.» inspiriert haben soll - zu entkommen, denn nur dort kann es wohl für diese Außenseiter das Glück geben.

Wie der naive Totò an Chaplins Tramp erinnert, mit dem «Das Wunder von Mailand» auch die Parteinahme für die sozialen Außenseiter verbindet, so erinnert der Glaube an das Gute im Menschen und den Sieg der kleinen Leute gegen die bösen Kapitalisten an die Filme Frank Capras.

Aufs Glücklichste gelingt es De Sica und Zavattini dabei in diesem wunderbar verspielten, visuell einfallsreichen und mit viel Liebe zum Detail inszenierten Klassiker die märchenhafte Ebene mit einem messerscharfen Blick auf den bitteren Alltag der Armen und Obdachlosen zu verbinden: Es ist nur diese märchenhafte Ebene, die diesen Film erträglich macht, die Hoffnung schenkt, diese aber gleichzeitig wieder enttäuscht, da der Sieg nicht in dieser Welt errungen werden kann, Flucht in den Himmel die einzige Lösung zu sein scheint.

An Sprachversionen bietet die bei Pidax Film erschienene DVD die italienische Original- und die deutsche Synchronfassung, aber keine Untertitel. Die Extras beschränken sich auf eine Trailershow weiterer Filme dieses Labels sowie ein Booklet, bei dem es sich um den Nachdruck der Illustrierten Filmbühne, die 1952 zum deutschen Filmstart erschien, handelt.

Trailer zu «Das Wunder von Mailand»

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