Mythenkampf

03.01.2016 Haimo L. Handl

Nachdem die Schutzfrist ablief und damit das gefürchtete Buch, die Schrift des Unheils, allen zugänglich wurde, weil es rechtlich nicht mehr wegzusperren war, erstrahlt es wieder, obwohl verrufen als Machwerk. Um dem verführerischen Werk des Verführers, bereits in den Zwanzigerjahren in zwei Teilen erschienen, den Giftzahn zu ziehen, haben Experten des Instituts für Zeitgeschichte in München nach offiziellem, politischem Auftrag, einen ausführlichen Kommentar verfasst, der jetzt in Schulen verwendet werden soll. In Deutschland soll eine unkommentierte Ausgabe, wie sie im Ausland neu aufgelegt wurde, bzw. wie sie in Antiquariaten noch gefunden werden kann, immer noch strafrechtlich als Volksverhetzung verfolgt werden. Nur die geleitete Lektüre der kommentierten Ausgabe ist erlaubt.


Die Praxis der Verfolgung, die Zensur einerseits, die Kommentierung andererseits, sind selbst Zeichen einer tiefliegenden Angst, einer ehrfürchtigen Verkennung der Macht des Wortes bzw. des Buches und einer doppelten Schwäche, nämlich einerseits des Staates, der sich durch eine Schrift derart herausgefordert sieht, andererseits durch die vermutete oder empirisch belegte Unbildung des Publikums, das derartige «Sondermaßnahmen» erfordert.

Besieht man die Grundlagen dieses Textverständnisses, erschrickt man über die simple manichäische Sicht, die nicht zu differenzieren vermag, und in Büchern einen magischen Geist fürchtet, der, wie im Nachkochen nach Rezept, zur tödlichen Praxis führt. Das faustische Thema: Es ist der Geist, auch als Ungeist, der das schwache Fleisch zur Untat, zum Mord führt. Man muss den Ursprung bekämpfen, also den Geist. Und weil in der Zeit seit dem Tausendjährigen Reich, das fantastischer Weise nur 12 Jahre währte, die Bildung darniederging, muss penibel kommentiert werden, muss Anspruch, Lüge, Täuschung im Text ausführlich korrigiert werden, damit die Fakten faktisch gewürdigt werden können, damit der Wahrheit Genüge getan wird. (Warum die besser Gebildeten damals, trotz Hölderlin & Co. dem Führer auf den Leim gingen, wird unterschlagen.)

Überspitzt könnte man, dieser einfachen deutschen Auffassung (die früher von den Nazis selbst, aber auch von ihren Konkurrenten, den Bolschewiki, geteilt wurde, und die in beiden Lagern zu rigiden Zensuren, Verfolgungen und erzieherischen Kommentierungen führte) folgend sagen, das Unglück der Deutschen bestand darin, dass sie keine funktionellen Analfabeten waren, sondern sich dem Gift der Hitlerschriften aussetzten und sich anstecken ließen. Obwohl das Hauptmedium das Radio war, liegt gerade für ein Kulturvolk die Gefahr im gedruckten Wort. Und hier, so meint man, wiegt das Buch schwerer als die Journalistik, die in ihrer ausgeklügelten Hetze tagtäglich Millionen erreichte. Las es jeder, der das Buch wie die Pflichtbibel kaufte? Man stelle sich vor: Mein Kampf als Leitschrift in der Kredenz, Hölderlin als Hochblüte deutschen Geistes in der Tasche (später im Kanister), und es war geschehen um das Kulturvolk, das in die Barbarei abglitt.

Der Ursprung dieses queren Mythendenkens ist christlich. Das steigert die Ironie, hintennach ganz peinlich. «Am Anfang war das Wort», wurde im Johannesevangelium festgehalten, wonach das Wort nicht nur BEI Gott war, sondern Gott selbst war, «und das Wort war Gott». Von diesem Geist her, von diesem Gott, wurde dann die Fleischwerdung behauptet «und das Wort ist Fleisch geworden, und hat unter uns gewohnt». Den Rest wissen wir. Diesem Wortverständnis nach liegt die Sünde im Geist, dem das Fleisch folgt. Deshalb die ewige Geistfeindschaft der Geistigsten dieser und ähnlicher Bewegungen, z.B. nach dem Niedergang der Nazis und Bolschewiki, die ihre Erlöserideologie etwas länger aktiv halten konnten, der Islamisten oder geschulten Moslems, die jetzt den Kampf gegen Unwissende und Ungläubige im Namen der Gläubigen und Gottesfürchtigen aufgenommen haben.

Dass in Deutschland eine Expertenriege eine wissenschaftliche Edition von «Mein Kampf» herausbringt, dass die Bildungsministerin diese zur Schullektüre heranziehen will, zeigt, welch krudes Missverständnis hinsichtlich Wort und Tat, Theorie und Praxis (früher hätte man auch von Überbau und Basis gesprochen) vorherrscht. Würde in Sprache gefasstes Denken derart direkt wirken, hätten wir eine besonders quirlige Kulturlandschaft! Aber wie bewertet man dann das Phänomen, dass auch Gebildete in den Reihen der Schergen mitliefen? Haben die Krupps & Cie. «Mein Kampf» gelesen? Folgte aus der falschen Lektüre die unternehmerische Kollaboration?

Das alles hält keinem kritischen Denken und Befragen stand. Worte oder Bücher alleine bewirken wenig. Es bedarf ganz bestimmter Rezeptionsbedingungen einerseits, spezieller politischer andererseits, dass gewisses Denken als Praxis Gewicht erlangt. So bilden sich Ideologien, die erst durch Praxis, geleitete Umsetzung, Macht und Stärke erlangen. Dabei sind es nicht zuerst die Bücherschreiber, auch die politischen nicht, die die Gefahr darstellen. Auch nicht die religiösen Eiferer und ihre dreckigen heiligen Schriften. Es sind Priester, Vermittler, Versprecher, Angestellte, Vorgesetzte, Kellner, Blockwarte, Chefs, Unternehmer, Banker, Polizisten, Politiker, Militärs und viele, viele andere, die im Zusammenwirken ihr politisches Programm praktizieren. Es ist die Errichtung und Durchsetzung einer angemaßten Deutungshoheit, die das Verhalten und die Einstellungen lenkt. Und Abweichungen bestraft.

Just dieser alten Praxis entstammt das Denken und Handeln, das meint, mit wissenschaftlichen Kommentaren einen Gegenzauber zu kreieren, mit verordneter Lektüre das Gift neutralisieren zu können. Aber die Neonazis waren Neonazis geworden OHNE «Mein Kampf», der 70 Jahre weggesperrt war. Und nicht jeder, der den Koran studiert, wird zum islamischen Terroristen. Und der Kommunismus brach zusammen, OBWOHL die Schriften von Marx und Lenin auflagen.

Würde diese politische Praxis, wie sie uns Deutschland hinsichtlich Meines Kampfes vorexerziert, vorkämpft, allgemeingültig werden, sie müsste den Koran verbieten, Kriminalromane, seichte Pornografie, weil dies alles eine mögliche Beeinflussung, ein Training für asoziales, kriminelles Handeln sein könnte. Es dürfte keine Gewaltfilme oder Krimis im Fernsehen geben. Auch keine Werbung, weil die lügt und täuscht. Der Staat müsste sorgsam schützen und bewahren. Die Nachrichten müssten ausführlich kommentiert werden, die Börsenberichte usw. usf. Neue Indexi müssten erstellt werden …

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