The Revenant - Der Rückkehrer

12.01.2016 Walter Gasperi

Leonardo DiCaprio kämpft sich als Trapper Hugh Glass in der amerikanischen Wildnis des frühen 19. Jahrhunderts nach einem Grizzly-Angriff allein in die Zivilisation zurück. – Auf seinen Oscar-Erfolg «Birdman» lässt Alejandro González Iñárritu einen wuchtigen 156-minütigen Überlebenskampf folgen, der durch seine Bildkraft und seinen drastischen Naturalismus packt, seine inszenatorische Virtuosität aber auch ausstellt.


Schon 1971 hat sich Richard C. Sarafian in «Ein Mann in der Wildnis» lose an der Geschichte des Trappers Hugh Glass orientiert, der 1823 eine Gruppe von Pelzhändlern in die Wildnis am Missouri River führte, dort von einem Bären angefallen und schwer verletzt wurde.

Zwei Leute wurden zurückgelassen, um sich um den vermeintlich Sterbenden zu kümmern. Doch diese hoben ein Grab aus, in das sie den Halbtoten warfen, und flohen, als sich angeblich eine Gruppe Indianer näherte. Doch Glass starb nicht, sondern rappelte sich wieder auf und kämpfte sich durch die eisige Winterlandschaft und trotz Indianerangriffen mit eisernem Willen zum rettenden Fort Kiowa durch.

Nur kurz herrscht in Iñárritus Adaption von Michael Punkes Aufarbeitung dieser Geschichte im 2003 erschienenen Roman «The Revenant: A Novel of Revenge» Ruhe, wenn die Trapper durch die scheinbar idyllische Wildnis streifen. Die gleitende Kamera von Emmanuel Lubezki, der ausschließlich mit Naturlicht arbeitete, umkreist die Trapper wie die Raumfahrer im ebenfalls von Lubezki gefilmten «Gravity», folgt ihnen beim Anpirschen an einen Elch, bis ein Schuss die Stille zerreißt, parallel dazu ein schwer Verwundeter ins Lager taumelt und ein Angriff der Indianer losbricht.

Mal ist die Kamera von Lubezki ganz nah an den Personen und zeigt drastisch die Verwundungen, dann springt sie in die Totale, um einen Eindruck vom Ausmaß des Gemetzels zu vermitteln. Wie im modernen Kriegsfilm – oder auch in der Eröffnungsszene von Ridley Scotts «Gladiator» – soll der Zuschauer keinen Überblick gewinnen, sondern das Chaos und die Desorientierung direkt erfahren.

Überwältigung ist das Ziel Iñárritus, direkt hineinversetzt werden soll man in den Strudel der Gewalt, soll die Erbarmungslosigkeit der winterlichen Wildnis, die Entbehrungen und die Härte dieses Lebens hautnah miterleben. Wie er Javier Bardem in «Biutiful» in einem düsteren Barcelona auf eine Höllenfahrt schickte, so nun DiCaprio in einer unberührten, aber übermächtigen Natur.

Doch der Blick auf diese Wildnis ist ambivalent, denn so grausam sie sein kann, so sehr evozieren in diesem in der rauen, winterlichen Wildnis Kanadas, der USA und Patagoniens gedrehten Abenteuerfilm gleichzeitig auch immer wieder phantastische Totalen von der unermesslichen Weite, einer riesigen Büffelherde, einem Sonnenuntergang oder dem nächtlichen Mond deren Schönheit.

Grausamer als die Natur ist freilich der Mensch. Iñárritu verklärt dabei weder die indigene Bevölkerung noch die weißen Eroberer. So drastisch er den Überfall der Indianer schildert, so zeigt er doch gleichzeitig wie die Weißen das Land ausbeuten. Immer wieder lässt er Glass sich an seine – fiktive - von den Weißen ermordete indigene Frau erinnern und in Träumen vor einem riesigen Hügel mit Büffelknochen stehen oder durch eine zerstörte christliche Kirche streifen. Und dennoch ist der Überlebenswillen, der vom Verlangen nach Rache noch geschürt wird, stärker als alle Hindernisse.

Dünn ist im Grunde die Geschichte, demonstriert in unterschiedlichsten Situationen, die angesichts des schlimmen Zustands von Glass auch übertrieben erscheinen, die Kraft, die ihm die Erinnerung an seine Frau und ihre ans Lateinische «Dum spiro, spero» erinnernde Aufforderung «Solange du atmest, atme» gibt.

Da kriecht DiCaprio zunächst, halbtot vom unglaublich realistisch inszenierten Grizzly-Angriff, durch die verschneite Landschaft, lässt sich bald auf einem eiskalten Fluss auf der Flucht vor den Indianern über Stromschnellen und Wasserfall treiben, springt bald mit einem Pferd in einen Abgrund, wobei der Sturz durch einen Nadelbaum abgefedert wird, oder nimmt ein totes Pferd aus, um sich in dessen Bauch zu wärmen.

Mit enormem Körpereinsatz spielt der 41-Jährige diesen Trapper, schreckt sichtlich nicht vor Strapazen und Schmutz zurück, macht erfahrbar, dass man in dieser Wildnis nur überleben kann, wenn man quasi ein Teil davon wird. DiCaprio läuft freilich bei dieser One-Man-Show auch Gefahr zu übertreiben, wenn er es unübersehbar darauf anlegt mit dieser Rolle endlich den Oscar zu gewinnen, für den er schon fünfmal nominiert war.

Man hätte diese Überlebens- und Rachegeschichte, an deren Ende dann doch die Einsicht steht, dass letztlich Gott für Rache zuständig ist, freilich auch kompakter inszenieren können. Problemlos hätte auf die eine oder andere Szene, die teilweise für die Handlung keine zwingende Funktion haben, oder auch auf die erfundene Familiengeschichte von Glass verzichtet werden können, doch die Bildmacht und der drastische Naturalismus halten den zweifellos wuchtigen Film immer in Gang.

Andererseits schwächt gerade die Fülle der visuell überwältigenden Szenen «The Revenant» auch wieder, da dies quasi zu einem visuellen Overkill führt, bei dem die einzelne Szene kaum Raum erhält sich zu entfalten und dadurch nachhaltig zu wirken.

Nicht zu übersehen ist auch, dass Iñárritu und Lubezki mit ihren Bildern prahlen, die Inszenierung ausstellen, dem Zuschauer nach dem kammerspielartigen und dialogreichen «Birdman» nun ganz offen demonstrieren wollen, dass sie auch einen Film in weiter Landschaft und mit sehr spärlichem Dialog stemmen können.

Handwerklich ist das virtuos gemacht, aber im Vergleich zur Intensität der Schilderung der physischen Strapazen wollen die Fragen von Gewalt als menschlicher Grundkomponente und von Verrat, Schuld und Rache, die sich durch das gesamte Werk des Mexikaners ziehen, hier nicht wirklich packen, gehen in der auf Überwältigung des Zuschauers getrimmten Inszenierung unter. – Ungleich näher ging da schon der Überlebenskampf von Robert Redford in «All Is Lost», gerade weil J. C. Chandor auf äußerste Reduktion setzte und nichts aufbauschte, dafür mit großer Konsequenz die Geschichte entwickelte.

Tiefer geht «The Revenant – der Rückkehrer» vor allem in ruhigen Szenen, wirft in einem kleinen Moment, in dem der Anführer der Expedition (Domhnall Gleeson) feststellt, dass er sich an das Gesicht seiner Frau kaum mehr erinnern kann, eindringlicher die Frage auf, wie das Leben in der Wildnis den Menschen verändert, als in seinen drastischen Actionszenen.

Läuft derzeit in den Kinos

Trailer zu «The Revenant - Der Rückkehrer»

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