Mord mit kleinen Fehlern - Sleuth

17.03.2016 Walter Gasperi

Ein Anwesen, zwei Schauspieler – Minimalistisch ist die Ausgangssituation von Joseph L. Mankiewicz´ 1972 entstandener Verfilmung von Anthony Shaffers Theaterstück. Doch Laurence Olivier und Michael Caine als einzige Darsteller, brillante Dialoge und eine wendungsreiche Handlung sorgen für 135 Minuten ebenso spannende wie böse Unterhaltung. Bei Pidax Film ist dieses meisterhafte Kammerspiel auf DVD erschienen.


Ein jüngerer Herr (Michael Caine) kommt im roten Sportwagen auf einem großzügigen britischen Anwesen an. Er findet den Besitzer im Labyrinth im Garten, wo dieser Krimiautor Andrew Wyke (Laurence Olivier) Passagen seines neuen Romans auf Band spricht.

Bald ist nicht nur klar, dass Wyke Milo Tindle zu sich bestellt hat, weil er mit dem Liebhaber seiner Frau sprechen will, sondern macht die Einrichtung auch Wykes Lust am Spiel sichtbar. Überfüllt mit Spielfiguren ist das geräumige Wohnzimmer und wie er in seinen Kriminalromanen mit Täuschungen und überraschenden Wendungen arbeitet, so ist auch das Leben für ihn ein Spiel.

Bald ist er überaus freundlich zu Tindle, dann zeigt er wieder offen seine Verachtung für den italienisch-stämmigen Friseur und macht kein Hehl aus seinen Standesdünkeln. Rasch verwickelt er Tindle so in ein böses Spiel, das fließend in Ernst oder gespielten Ernst übergeht, wenn Tindle nach Wykes Vorgaben zwecks Versicherungsbetrugs aus dem Tresor Juwelen stehlen soll, dann aber plötzlich von diesem – gespielt oder tatsächlich – bedroht wird.

Doch in Tindle findet Wykes einen zumindest ebenbürtigen Gegner, der bald das Spiel auch selbst in die Hand nehmen und seine Spiele mit dem versnobten Autor treiben wird, bis diesem der Angstschweiß über den Rücken läuft.

Eine Plattform für Laurence Olivier und den damals noch jungen Michael Caine ist dieser Film, sind sie doch – auch wenn die Credits zur gezielten Irreführung des Zuschauers anderes ankündigen - die einzigen Schauspieler. Und sie nützen diese Gelegenheit, gehen ganz in ihren Rollen auf und liefern sich ein fulminantes Duell.

Obwohl der einzige Schauplatz das Anwesen des Autors ist, haftet diesem Film nichts Theaterhaftes an, denn die Kamera von Oswald Morris ist immer in Bewegung. Sie wechselt ständig die Perspektiven, ist bald nah dran an den Figuren, verschafft dann wieder mit Totalen einen Überblick über die von Production-Designer Ken Adam mit Liebe zum Detail und sehr stimmig ausgestatteten Räume.

Das spielerische Moment, das hier eine zentrale Rolle spielt, wird schon mit der Eröffnung und dann auch mit dem Finale betont, wenn sich das ganze Geschehen auf einer Puppenbühne abzuspielen scheint. – Sind die Menschen auch Puppen, die von einer höheren Macht dirigiert werden, nicht frei agieren können?

Souverän wechselt Joseph L. Mankiewicz jedenfalls zwischen Ernst und Spaß, lässt die Grenzen verschwimmen, baut bald meisterhaft Spannung auf, um dann wieder Momente der Entspannung folgen zu lassen, ehe nochmals ein Zahn zugelegt wird. Perfekt verstand es der Amerikaner auch Shaffers brillant geschriebenes Stück für die Leinwand zu adaptieren. Geistreich spielt er mit dem britischen Kriminalroman à la Agatha Christie, rechnet in messerscharfen Dialogen mit britischem Standesdenken ab, macht aber auch Tindle, der zur vornehmen Gesellschaft dazugehören möchte, nicht zu einem Sympathieträger.

Ziemlich negativ ist das Menschenbild dieses Films, in dem beide Figuren nur darauf aus sind, den anderen zu demütigen und fertig zu machen oder sich für erlittene Gemeinheiten zu rächen. Doch es ist gerade diese schonungslose Bösartigkeit und natürlich auch das perfekte Timing, das dieses Kammerspiel, das 2007 von Kenneth Branagh unter dem Titel «1 Mord für 2» nun mit Michael Caine in der Rolle des Autors und mit Jude Law als Milo Tindle neu verfilmt wurde, für den Zuschauer zu einem großen Vergnügen macht.

An Sprachversionen bietet die bei Pidax Film erschienene DVD die englische Original- sowie die deutsche Synchronfassung, jedoch keine Untertitel. Die Extras beschränken sich auf eine Trailershow.

Ausschnitt aus «Mord mit kleinen Fehlern - Sleuth»

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