Joy - Alles außer gewöhnlich

05.01.2016 Walter Gasperi

Trotz ihres Namens bietet das Leben für die Italo-Amerikanerin Joy Mangano wenig erfreuliches, bis sie den Wischmop erfindet. – So furios David O. Russell auch einzelne Szenen dieser Geschichte einer kämpferischen Frau inszeniert, so lustvoll die Starbesetzung aufspielt, so leidet «Joy» trotz großem Unterhaltungswert dennoch an seiner Unentschiedenheit sowohl hinsichtlich des Erzähltons als auch der inhaltlichen Fokussierung.


Eine herrliche Persiflage auf die Daily Soap steht am Beginn und David O. Russell gibt damit auch schon eine Richtung seiner nach «Silver Linings» und «American Hustle» dritten Zusammenarbeit mit dem Trio Jennifer Lawrence, Bradley Cooper und Robert De Niro vor.

Denn nicht nur die Mutter der Protagonistin, für die die reale Joy Mangano, die 1990 mit der Erfindung des «Miracle Mop», der das Auswringen per Hand überflüssig machte, zur erfolgreichen Unternehmerin aufstieg, zieht sich den ganzen Tag über solche TV-Soaps hinein, sondern auch Joy flüchtet in Träumen mehrfach aus ihrem tristen Alltag in die Welt dieser Serien, in denen sich das Gute durchsetzt.

Und Russell inszeniert schließlich auch selbst seinen Film - zumindest im ersten Teil - als eine solche Soap, schildert teilweise satirisch und mit dickem Strich Joys dysfunktionale Familie mit einem erfolglosen Latino-Sänger (Èdgar Ramirez) als Ex-Mann, der im Keller lebt, einem geschiedenen Vater (Robert De Niro), der nach einer gescheiterten Beziehung mit einer anderen Frau wieder zurückkehrt und sich per Telefon-Dating eine reiche Witwe (Isabella Rossellini) angelt sowie der schwierigen Beziehung Joys zu ihrer Halbschwester Peggy (Elisabeth Röhm).

So schrill überzeichnet diese Figuren sind und es damit auch an Tiefe missen lassen, so überflüssig bleibt letztlich die Erzählerstimme der Großmutter – auch weil zu wenig konsequent damit gearbeitet wird. In diesen Schwächen kann man freilich auch wieder ein Spiel mit den Erzählstrategien der Soap-Operas sehen, doch dieses Spiel zieht Russell letztlich auch zu wenig konsequent durch.

Denn an die Stelle der Farce rückt mit Fortdauer des Films zunehmend die märchenhafte und durchaus ernst gemeinte Geschichte einer toughen und kämpferischen jungen Frau, die sich trotz ungünstigster Ausgangslage und gegen alle Widerstände durchsetzt. Allzu schematisch folgen dabei auf Erfolge immer wieder Rückschläge, doch Russells teils furiose Inszenierung lassen darüber zumindest teilweise hinwegsehen.

Spielerisch leicht lässt er nämlich mit Rückblenden in die Vorgeschichte blicken, schildert am Ende unterstützt von der Großmutter als Erzählerin in einer Vorausblende sogar, wie es weitergeht, und erzeugt mit seinem sensationellen Gespür für den Einsatz klassischer Hits immer wieder mitreißenden Drive.

Wie Russell immer wieder die Entschlossenheit Joys in Bilder umsetzt, wenn er die Kamera von Linus Sandgren vor ihr zurückweichen lässt, oder wie er bei einer Teleshopping-Sendung, bei der Joy nach einer anfänglichen Panne den Durchbruch schafft, das Publikum durch perfekten Einsatz aller filmischen Mittel, emotionalisiert, beweist eindrücklich die enormen Fähigkeiten dieses Regisseurs.

Gleichzeitig führt er mit dem Spiel mit Soap-Operas und Teleshopping aber auch einen Diskurs über das Fernsehen, macht - satirisch überspitzt - sichtbar, wie es einerseits Menschen wie Joys Mutter dazu verleiten kann ganz in diese Traumwelt abzutauchen und kein eigenes Leben mehr zu leben und wie es andererseits gezielt eingesetzt wird, um beim Publikum Bedürfnisse zu generieren, Produkte zu vermarkten und den Konsum anzukurbeln.

In seinem Mix aus nicht konsequent weiter entwickelten Themen und im Schwanken zwischen Satire und Ernst wirkt «Joy» insgesamt somit zwar uneinheitlich und allzu ungebrochen wird auch vor allem gegen Ende ein Loblied auf die Durchsetzungskraft starker Frauen, denen «Joy» in einem Vorspann-Insert gewidmet wird, gesungen, dem mit Verve aufspielenden Ensemble zuzuschauen, bereitet aber dennoch großes Vergnügen.

Denn Jennifer Lawrence geht wie schon in «American Hustle» in der Rolle der «White Trash»-Woman Joy Mangano richtig auf, mit sichtlichem Vergnügen spielen auch Robert De Niro ihren Vater und Isabella Rossellini dessen reiche neue Geliebte, während Bradley Cooper als Boss eines Fernsehsenders allein mit seiner großen physischen Präsenz die Leinwand mit Spannung auflädt.

Läuft derzeit im Cineplexx Hohenems

Trailer zu «Joy - Alles außer gewöhnlich»

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