Familienfest

29.12.2015 Walter Gasperi

Bei der Feier zum 70. Geburtstag eines berühmten Pianisten brechen die familiären Konflikte durch. – Das Vorbild von Thomas Vinterbergs «Das Fest» ist unübersehbar, doch Lars Kraume kann seiner bösen Abrechnung mit einem autoritären Familienvater und seinen Familienmitgliedern auch eine eigene Note verleihen und auf ein großartiges Ensemble bauen.


Mit «Das Fest» schuf Thomas Vinterberg 1998 den prototypischen Dogma-Film. Im quasidokumentarischen Stil deckte er damals schonungslos die Bruchlinien in einer scheinbar heilen Familie auf. Unübersehbar von diesem Meisterwerk ist Lars Kraumes «Familienfest» inspiriert, doch arbeitet er nicht mit dem ruppigen Dogma-Stil, sondern setzt vielmehr auf runde und geschliffene Inszenierung.

Die den Film eröffnenden Klaviertöne deuten schon an, dass es sich bei dem Jubilar um einen Musiker handelt. Ein gefeierter Pianist war Hannes Westhoff (Günther Maria Halmer) einst, wird aber in Zeitungsartikeln zu seinem 70. Geburtstag auch als «Der Unnahbare» bezeichnet.

Mit seiner zweiten Frau Anne (Michaela May) wohnt er in Berlin in einer Villa an einem See und wartet auf die Ankunft seiner Familie. Anne, die stets um Harmonie bemüht ist, hat für die Feier nicht nur Westhoffs drei Söhne aus erster Ehe, sondern auch seine erste Frau Renate (Hannelore Elsner) eingeladen.

Getrennt werden diese vier Gäste und ihre Probleme vorgestellt von Sohn Gregor (Marc Hosemann), der wieder einmal den Vater um Geld bitten muss, über Frederik (Barnaby Metschurat), der mit seinem Lebensgefährten anreist, bis zu Max (Lars Eidinger), der nach einem kleinen Unfall kurz ins Krankenhaus eingeliefert wird und ein Geheimnis mit sich trägt.

Bei der Entlassung aus der Klinik lädt Max die Krankenschwester Jenny (Jördis Triebel) ein, ihn auf das Familienfest zu begleiten. Nach anfänglichem Zögern nimmt sie an, sodass der Zuschauer nun quasi aus der Perspektive dieser mit der Familie nicht vertrauten Frau auf dieses schwierige Beziehungsgefüge blickt.

Bald kommt es nämlich zum ersten Krach, als der Jubilar gegenüber seinem schwulen Sohn und dessen Freund offen seine Homophobie zeigt. Zunehmend vollständiger wird in der Folge das Bild eines autoritären, von sich selbst sehr überzeugten Patriarchen und gnadenlosen Zynikers, der alle Menschen verachtet und niedermacht. Erklärt wird sein Charakter teilweise mit seiner Kindheit als Sohn eines überzeugten Nazis.

Dieser Erziehung konnte er offensichtlich nie entkommen, trat stets hart gegenüber seinen Kindern auf, lobte sie nie und ließ ihnen kaum einmal Zuneigung zukommen. Im einen sieht er ein «Windei», im anderen einen «Schlaumeier» und den dritten kanzelt er als Schwulen ab.
Seine erste Frau hat er offensichtlich mit diesem Verhalten in die Alkoholsucht getrieben, seine zweite lässt dagegen seine Schikanen geduldig über sich ergehen, leistet nie Widerspruch, sondern ist eine stets fürsorgliche Dienerin.

In sicherem Timing und dank hervorragender Kameraarbeit von Jens Harant sowie sorgfältigem Schnitt von Barbara Gies wechselt der Film rund und fließend zwischen Familienszenen und Zweier- oder Dreierkonstellationen, in denen immer wieder andere Aspekte der familiären Verhältnisse aufgedeckt werden und die Charaktere an Komplexität gewinnen.

Mögen die Figuren auch am Reißbrett entworfen und die Anlage dieses Kammerspiels sehr schematisch sein, dem hervorragenden Ensemble gelingt es mit seinem engagierten Spiel diesen Charakteren Leben einzuhauchen und Profil zu verleihen, sodass sie auch übers Filmende hinaus im Gedächtnis bleiben.

Dichte gewinnt «Familienfest» aber auch durch die weitgehende Konzentration auf Westhoffs Haus, auf zwei Tage als Handlungszeitraum und die konsequente Fokussierung auf die familiären Spannungen. Die bitterböse Durchleuchtung des Familiengefüges und scharfe Abrechnung mit einem Patriarchen wandelt sich freilich zu einem klassischen Melodram, als Max nach einem Zusammenbruch ins Krankenhaus eingeliefert wird.

Da drückt Kraume dann gegen Ende nicht nur auf die Tränendrüse, sondern lässt auch den scheinbar gefühllosen Westhoff weich werden, wie einen Schlosshund heulen und eine Wandlung durchmachen, die dieses Familiendrama - harmoniesüchtig wie Westhoffs zweite Frau - allzu versöhnlich enden lässt.

Läuft derzeit im Cinema Dornbirn

Trailer zu «Familienfest»

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