Away from Her - An ihrer Seite

24.04.2007 Walter Gasperi

28 Jahre ist Sarah Polley alt, spielte in Filmen von Atom Egoyan, David Cronenberg, Wim Wenders, Isabel Coixet und Michael Winterbottom und legt nun mit einem berührenden Film über Alzheimer ihr Regiedebüt vor.


Mit Fünf stand die 1979 geborene Kanadierin Sarah Polley erstmals vor der Kamera. Enorme Präsenz entwickelte sie in den 1990er Jahren als zerbrechlicher und zarter Teenager in Atom Egoyans faszinierenden Puzzles «Exotica» (1994) und «The Sweet Hereafter» (1997). Mit ihrer Ausstrahlung verlieh sie Nebenrollen solche Intensität, dass sie sich ins Gedächtnis einbrannten. Ähnlich komplexe Filme und anspruchsvolle Regisseur folgten mit Thom Fitzgeralds «The Hanging Garden» (1997) und David Cronenbergs «eXistenZ» (1999). In Michael Winterbottoms meisterhafter Thomas Hardy-Adaaption «The Claim» («Das Reich und die Herrlichkeit», 2000) durfte sie als «Hope» ein Hoffnungsträger sein und in Wim Wenders´ «Don´t Come Knocking» (2005) wie ein Engel – und auf diese versteht sich der Deutsche spätestens seit «Der Himmel über Berlin»(1987) – die Urne ihrer Mutter durch den Film tragen. Wohl kaum eine andere Schauspielerin hat in ihrem Alter in so vielen großen Filmen gespielt und so komplexe, abseits des Mainstreams liegende Rollen verkörpert. In Isabel Coixets «My Life Without Me» (2003) rührte Polley als todkranke Mutter, die nur an ihre Familie denkt, zu Tränen und im ebenfalls von Coixet gedrehten «The Secret Life of Words» (2005) erschütterte sie als vom Jugoslawienkrieg schwer traumatisierte Krankenschwester.

Dass Sarah Polley mit dem Kommerzkino nichts am Hut hat, bringt sie in «Away from Her» durch ihre an Alzheimer leidende Hauptfigur Fiona explizit zum Ausdruck. Auf die Testfrage, was sie mache, wenn es im Kino brenne, antwortet diese nach Zögern geschickt ausweichend: «Wir gehen nicht sehr oft ins Kino. All diese Multiplex-Kinos, die denselben amerikanischen Quatsch zeigen, interessieren uns nicht.» So ist auch Polleys Regiedebüt sowohl inhaltlich als auch formal ein stark von den Filmen Isabel Coixets geprägter Widerstandsakt gegen das Stromlinienförmige. Ähnlich feinfühlig und konzentriert auf die Menschen wie die Spanierin erzählt die Kanadierin die Geschichte einer Liebe, die an Alzheimer nicht zu zerbrechen, sondern sich förmlich aufzulösen droht.

Seit 44 Jahren sind Grant und Fiona verheiratet, angedeutet wird, dass die Ehe nicht immer problemlos verlief, aber verlassen haben sie sich nie und im Alter sind sie nun ein zufriedenes Paar, das die gemeinsame Geschichte und eine tiefe innere Liebe verbindet. Doch Fionas Gedächtnis lässt immer mehr nach. Zuerst verräumt sie eine frisch gespülte Bratpfanne im Kühlschrank, später kann sie sich an das Wort «Wein» nicht mehr erinnern oder findet bei einem ihrer Langlaufausflüge den Weg nach Hause nicht mehr. Auf eigenen Wunsch lässt sie sich in eine Pflegeanstalt für Menschen, die an Demenz leiden, einweisen. Die strikte Hausregel sieht vor, dass Grant seine Frau einen Monat lang nicht besuchen darf, damit sie sich eingewöhnen kann. Als er schließlich voller Sehnsucht zurückkehrt, nimmt sie kaum Notiz von ihm, kümmert sich dafür liebevoll um einen anderen Heiminsassen…

Wie Sarah Polley in den den Film eröffnenden und beschließenden Bildern von zwei Langlaufspuren, die parallel verlaufen, sich aber hin und wieder voneinander entfernen, eine prägnante Metapher für den gemeinsamen Lebensweg präsentiert, so visualisieren sorgfältig eingeschnittene grobkörnige und farblich verfremdete Jugendbilder, die so fragil und flüchtig wie die Erinnerungen sind, melancholisch die Vergänglichkeit. Und im dominierenden Weiß des Schnees und des Vorspanns sowie in langsamen Überblendungen und Zeitlupeneinstellungen findet die Regisseurin wieder eine kongeniale und eindringliche formale Entsprechung zum Schleichenden der Krankheit und ihren Folgen. Es gibt keine harten Brüche, sondern die Erinnerung verschwimmt und löst sich schließlich im Nichts auf, sodass nur eine weiße Fläche zurückbleibt.

Weniger von den Beschwerden der Krankheit als vielmehr von den Auswirkungen dieser auf den liebenden Mann erzählt Polley. Seine Perspektive ist schon durch den Titel «Away from Her» festgelegt und in dieser Perspektive entwickelt sich das ebenso zarte wie warmherzige Drama zu einem großen Liebesfilm. Denn angesichts des schmerzenden Identitätsverlusts seiner Frau muss Grant lernen loszulassen und selbstlos zu handeln.

Haarscharf an der Kitschgrenze bewegt sich Polley, stürzt aber dank der zurückhaltenden Inszenierung, wohlüberlegtem Soundtrack und einem wunderbaren Gespür für den richtigen Ton nie in Sentimentalität ab. Die junge Regisseurin schürt nicht groß Emotionen, sondern vertraut auf das Spiel der Schauspieler. Bewegend ist Julie Christie als Fiona, die sich zuerst über ihre Vergesslichkeit lustig macht, bald ihren Mann entlasten will und Entscheidungen fällt, und schließlich im Pflegeheim trotz aller Erinnerungslosigkeit immer wieder die Nähe des möglichen Erinnerns oder eines lichten Moments durchschimmern lässt. Und Christie ebenbürtig ist Gordon Pinsent mit seiner zurückhaltenden Verkörperung des liebenden, aber auch von Schuldgefühlen geplagten Mannes.

Happy End kann es hier keines geben, offen lässt Polley den Film enden, baut aber gleichzeitig durch die Einbettung der Geschichte in eine wohl von dem als Executive Producer fungierenden Atom Egoyan beeinflusste Rückblendenstruktur eine zweite Handlungsebene auf, die eine neue Zukunft für Grant andeutet.

Wird am Mittwoch,den 10.3. um 20 Uhr sowie am Freitag, den 12.3. um 22 Uhr vom Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz gezeigt (O.m.U.)

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