Man kann Assad im Spiegel sehen

21.12.2015 Kurt Bracharz

Das niederländische Fernsehen brachte in der Nachrichtensendung «Nieuwsuur» ein Interview des Journalisten Tom Klejn mit dem syrischen Präsidenten Bashar al-Assad, in dem Klejn Assad unter anderem fragte, ob er sich jeden Morgen im Spiegel anschauen könne. Ob er damit auf ein christliches Gewissen anspielte, was bei dem Alawiten Assad befremdlich wäre, oder ob er ihn überhaupt gleich für einen Vampyr hält, bleibt unklar. Assad erwiderte jedenfalls, natürlich könne er sich jeden Morgen im Spiegel ansehen. Vor einem Kreuz schreckt er auch nicht zurück, sonst könnte er ja nicht Putin als Verbündeten betrachten, den Mann, der in Russland den korruptesten christlichen Klerus sponsert.


Klejn stellte auch vernünftigere Fragen, auf die Assad teils geschickte Antworten gab, teils solche, wie man sie von den Figuren aus «Alice in Wonderland» kennt. Zum Beispiel fragte Klejn auf Assads Behauptung, die Mehrheit der Menschen in Syrien unterstützten immer noch die Regierung, ob er davon wirklich überzeugt sei, worauf der Präsident erwiderte: «Um ehrlich zu sein, ich bin überzeugter denn je.» Abgesehen davon, dass «um ehrlich zu sein» die klassische Einleitung für unverschämte Lügen ist, behauptete Assad, in den von seiner Regierung kontrollierten Gebieten könne man alle unterschiedlichen Spektren der syrischen Gesellschaft antreffen, in den von Terroristen kontrollierten aber entweder nur einen Teil dieses Spektrums oder gar keine Einwohner mehr, nur noch Kämpfer.

Um diese Antwort würdigen zu können, muss man wissen, dass 75 Prozent der Syrer Sunniten sind, während die Alawiten nur 12 Prozent der Bevölkerung ausmachen, aber der seit 45 Jahren diktatorisch herrschende Assad-Clan auch die Armee kontrolliert, indem er alle hohen Posten mit Alawiten besetzt hat. Die Alawiten stehen dem Schiitentum näher als dem sunnitischen Islam und werden von sunnitischen Fundamentalisten als Ketzer betrachtet. Assad sprach in dem Interview immer vom «vielfarbigen Spektrum» des syrischen Volkes und wurde dabei nie so konkret, dass er etwa die Kurden, die Armenier, die Turkmenen, die palästinensischen und irakischen Flüchtlinge, die syrischen Christen oder sonst eine ethnische oder religiöse Minderheit beim Namen genannt hätte.

Deutlich wurde er nur auf die Frage, warum so viele europäische Jihadisten nach Syrien kommen: «Hierherzukommen ist logisch. Syrien wurde von Europa, der Türkei, Katar und Saudiarabien zu einer Brutstätte des Terrors gemacht. Es herrscht Chaos, und das ist wie eine fruchtbare Erde für Terror. Die Kernfrage bleibt: Warum gab es diese Leute in Europa?» Auch diese selbstgestellte Frage beantwortete Assad: «Viele Europäer haben ihre Werte gegen Petrodollars verkauft. Sie haben wahhabitischen Organisationen aus Saudiarabien erlaubt, ihre dunkle und extreme Ideologie nach Europa zu bringen. Deshalb werden jetzt von dort Terroristen zu uns exportiert.»

Gut, die Tschetschenen haben andere Gründe, sich dem IS anzuschließen, aber für französische und britische Djihadisten stimmt wohl, was Assad sagt. An die Sprechweise einer Lewis-Carroll-Figur erinnert seine Antwort auf die Frage, was er davon hält, dass die westliche Koalition verlangt, dass er sein Amt niederlegt, wobei er plötzlich in einen Plural verfällt, von dem man sich nicht recht vorstellen kann, wen er mit diesem «wir» eigentlich meinen wird, den Assad-Clan, die Aleviten, die Baath-Partei oder tatsächlich jene Zivilisten unterschiedlichen Bekenntnisses, die er durch Fassbomben dezimieren lässt: «Wir akzeptieren das nicht. Wir sind ein souveränes Land. Ob es einen guten oder schlechten Präsidenten gibt, ist eine syrische Angelegenheit, keine europäische. Das syrische Volk entscheidet, wer geht oder bleibt. Wenn das Volk mich nicht mehr haben will, dann muss ich sofort gehen, noch heute.» Und tschüss, Baschar!


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