Memento

28.04.2016 Walter Gasperi

«Erinnere dich!» lautet die Übersetzung des lateinischen Titels von Christopher Nolans zweitem Spielfilm. Und der «Dark Knight-», «Inception-» und «Interstellar-» Regisseur zwingt den Zuschauer auch immer sich an die vorhergehende Szene zu erinnern, die Handlung im Kopf zu rekonstruieren, erzählt er in seinem Neo-Noir doch rückwärts. Die brillante Reflexion über Erinnerung und Wahrnehmung ist bei Eurovideo auf Blu-ray und DVD erschienen.


Blut an einer Kellerwand und ein Polaroidfoto von einem erschossenen Mann zeigen die ersten Bilder, doch dann entwickelt sich das Foto zurück und gleitet wieder in die Sofortbildkamera. Der Erschossene steht auf und die Patronen werden aus der Pistole genommen.

Statt mit der im klassischen Erzählkino üblichen großen Rückblende nun die Vorgeschichte zu schildern, erzählt Christopher Nolan ausgehend von der Anfangssequenz konsequent Szene für Szene die Ereignisse rückwärts: Am Anfang des Films steht das Ende der Geschichte und am Ende der Anfang.

Leonard (Guy Pearce) wurde beim Versuch die Ermordung seiner Frau zu verhindern schwer verletzt und verlor dabei sein Kurzzeitgedächtnis. Um sein Leben halbwegs zu organisieren, muss er alles aufschreiben und fotografieren. Aber vor allem sein Körper, auf den er die wichtigsten Fakten im Zusammenhang mit dem Mörder seiner Frau tätowiert, dient ihm als Gedächtnisersatz. Leonards ganzes Denken und Handeln ordnet sich dabei dem spiegelbildlich auf seine Brust tätowierten Satz «John G. raped and murdered your wife» unter.

Traditionell erzählt wäre dies eine simple, altbekannte Mord- und Rachegeschichte, doch durch die Umdrehung der Linearität und die Konzentration auf die Perspektive der Hauptfigur versetzt «Dark Knight»-Regisseur Christopher Nolan in seinem 2000 gedrehten Spielfilm auch das Publikum in diesen gedächtnislosen Zustand.

Wie es Leonard nur mühsam gelingt, sich an die früheren Ereignisse zu erinnern, so gewinnt auch der Zuschauer erst langsam den Überblick, muss die jeweils sichtbare Szene mit den schon gesehenen, aber zeitlich erst folgenden verknüpfen und am Ende den gesamten Handlungsablauf in chronologischer Anordnung nochmals im Gedächtnis rekonstruieren.

Gleichzeitig wird diese subjektive Perspektive Leonards, aber von schwarzweißen Szenen kontrastiert, die quasi objektiv von außen auf Leonard blicken und ihn in chronologischer Reihenfolge vom Fall des Sam Jenkins erzählen lassen, der ebenfalls an Verlust des Kurzzeitgedächtnisses litt und mit dem sich Leonard in seinem Beruf als Versicherungsagent unmittelbar vor seinem eigenem Verlust des Kurzzeitgedächtnisses beschäftigte.

«Memento» fordert vom Publikum ständiges konzentriertes Sehen und Mitdenken und bestraft Unachtsamkeit mit Unverständnis. So wird dieser virtuos konstruierte und geschnittene Thriller über Gedächtnis- und Identitätsverlust und über Gedächtnisersatz durch Konditionierung und Instinkt durch seine Form auch für den Zuschauer zum Gedächtnistraining.

Gleichzeitig stellt Nolan aber auch die Zuverlässigkeit der Erinnerung und Wahrnehmung in Frage, macht bewusst, wie man ständig manipuliert wird und selbst auch Dinge so interpretiert, wie man sie eben gerne sehen will: Nichts ist hier letztlich so wie es scheint und wie man es sieht, konsequent wird der Glaube an ein sicheres Wissen und die Objektivität der Wahrnehmung in Frage gestellt.

Der kühne Thriller, der auch ein mehrmaliges Sehen lohnt, ist bei Eurovideo auf DVD und Blu-ray erschienen und bietet neben der englischen auch die deutsche Sprachversion sowie Untertitel in beiden Sprachen. Bei den Extras sticht neben der spannenden «Anatomie einer Szene» und einem Interview mit Christopher Nolan vor allem der als deutsche Untertitel einblendbare sehr informative Audiokommentar des Regisseurs heraus.


Trailer zu «Memento»

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