Aberkennung

20.12.2015 Haimo L. Handl

Zeitgemäß, politisch korrekt, mutig für die Demokratie sich einsetzend, hat die Universität Salzburg über ihren Senat dem Nobelpreisträger Konrad Lorenz (1903-1989) das ihm 1983 verliehene Ehrendoktorat aberkannt. Er war Nationalsozialist. Nach den Satzungen der Universität wird eine Anerkennung aberkannt, wenn z.B. «sich nachträglich ergibt, dass die Ehrung erschlichen worden ist.»


Erschlichen? Der Gepriesene hat ja nicht um die Ehrung angesucht. Aber von einer Erschleichung ist auch dann auszugehen, wenn «die aktive Beteiligung an verbrecherischen Handlungen oder die aktive Mitgestaltung oder Verbreitung nationalsozialistischer Ideologie – insbesondere rassistischen und/oder imperialistischen Inhalts – verschwiegen wurde». Lorenz hat erschlichen, weil er aktiv an der Mitgestaltung Verbreitung nationalsozialistischer Ideologie mitwirkte – und dies verschwiegen hatte.

Die Universität Salzburg ist zwar die größte im Bundesland, mit ca. 17.000 Studentinnen und einem akademischen Personal von unter 1.000 Beschäftigten eher klein. Sie trägt ihren Namen nach einem bekannten Bischof und bemüht sich, seit ihrer Wiederherstellung 1962 um das Image einer modernen Universität; sie rangiert im Universitätsranking auf Platz 701 (2012: 551, 2013: 601, 2014:;701), weit hinter den einzigen zwei Universitäten Österreichs, die unter den ersten 200 zu finden sind (Uni Wien und TU Wien). Das ist keine Schande, weil das Rankingsystem selbst fragwürdig ist, aber doch den «Marktwert» bestimmt.

Mit dieser Aktion allerdings stellt die Uni Salzburg ihren biederen Provinzialismus, ihre vordergründige Bravheit als politisch korrekter Moralinstitution unter Beweis. Eine Überreaktion, wie sie von nicht gefestigten, schwachen Körperschaften unternommen wird, um deutlich ein vermeintlich einwandfreies Signal zu setzen.

Werden die Salzburger Bibliotheken nun gesäubert vom Schriftgut des naziverseuchten Ethologen? Darf er noch zitiert werden, er, der nicht ehrenswürdig ist? Soll das Werk des Unwürdigen noch wissenschaftlich beachtet werden?

Die Ehrung bezog sich, wie die anderen neun Ehrendoktorate, wie der Nobelpreis 1973, wie die vielen anderen Auszeichnungen, die Konrad Lorenz erhalten hat, nie auf seine politische Haltung, nie auf seine populären Schriften, sondern auf seine wissenschaftliche Tätigkeit. In der Wissenschaft gelten andere Regeln als im Politischen, als in der Moral. Vor allem in den Naturwissenschaften, deren Wert als Entwicklung zu mehr Erkenntnis (oder, kolloquial ausgedrückt, zu mehr «Wahrheit») anders messbar ist, als im Bereich der Human- und Sozialwissenschaften. In der Kunst oder Literatur ist ein linearer Progress nicht feststell- und messbar, muss er auch nicht sein. Anders in den Naturwissenschaften.

Teilt jemand nicht diese grundlegende Ansicht, müsste er erklären können, weshalb es einerseits doch Konkurrenz im Forschungsstreben gibt, bzw. weshalb es nicht gleichwertig ko-existierende, sich widersprechende oder widerlegende Theorien gibt. Es gibt Konkurrenz und Streit um die Richtigkeit der einen oder anderen Theorie, aber alle im Hinblick auf einen möglichen Wahrheitsgehalt, nie auf irgendeinen unter anderen. Es gibt keine physikalischen Gesetze chinesischer, russischer oder amerikanischer Provenienz. Es gibt Klarheiten und Unklarheiten, Erkanntes und zu Erforschendes in der Physik, unabhängig, wo und von wem diese Physik betrieben wird. (Der Versuch der Etablierung einer arischen Physik musste scheitern, aus wissenschaftlichen Gründen, nicht aus politischen. Ähnliches mussten auch die Bolschewiki lernen und viele andere Regime.)

Setzt man nun politisches korrektes Verhalten als Maßstab, so fragt sich, nach welcher Moral oder moralischen Wertung man auch naturwissenschaftliche Arbeit wertet. Nehmen wir z.B. das Problem der Kernspaltung. Die führte, wie man leidvoll weiß, zur Herstellung der modernsten Massenvernichtungswaffe, der Atombombe, welche von den Amerikanern eingesetzt wurde. Über die Verantwortung der Physiker, ob politisch intendiert, man denke an den Hardliner Edward Teller, den «Vater der Wasserstoffbombe», oder nicht, wurde nicht nur von Historikern, Politikern und «Laien» diskutiert, sondern auch von Physikern selbst. Wie bemessen und vergleichen wir den tödlichen Kriegsbeitrag von Mr. Teller mit den nationalsozialistischen Aktivitäten von Konrad Lorenz? Wie auf- oder abrechnen?

Im Falle des Nationalsozialismus gibt es ein anscheinend einhelliges Bewertungsraster. Das fehlt für den Stalinismus oder Maoismus, es fehlt erst recht für die gegenwärtigen Ideologien. Die Fokussierung auf den Nationalsozialismus bietet sozusagen einen Ersatz zum billigen Ausweis von Kritikfähigkeit und moralischer Lauterkeit. Würde man aus der Geschichte gelernt haben, müsste man nicht nur die Nazizeit kritisieren, und alle, die daran mitwirkten, sondern das Lernergebnis müsste sich in gegenwärtiger Wertorientierung UND Praxis zeigen und unter Beweis stellen. Wo und vom wem ist das zu beobachten? Wie kritisch sind die bestbezahlten Wissenschaftler in den USA, der westlichen Leitmacht, die für die meisten Kriege verantwortlich ist, die umfangreichsten und tiefgehendsten Ausbeutungen weltweit? Welche Kritik wirkt in Großbritannien, Frankreich, Russland oder China?

Welche Wissenschaftler werden gegenwärtig ausgepriesen, wie steht’s um deren Moral und Ideologie? Würde das unwürdige Beispiel der Provinzuniversität Salzburg Schule machen, wir hätten Zustände wie zu Zeiten Savonarolas oder, um im Heute zu bleiben, wie jetzt in Polen, wo eine faschistoide Regierung polnisch-politisch-korrekt um sich schlägt.

In den österreichischen Kommentaren erschien mir der vom Lorenz-Biograf Klaus Taschwer als informativ und seriös (ich schreibe «seriös» und nicht «seriöser», weil Letzteres implizierte, die Salzburger Uni sei auch seriös, nur weniger. Nein!). Taschwer ist nicht irgendwer, nicht nur der Biograf, sondern auch Autor des heuer erschienen Buches «Hochburg des Antisemitismus. Der Niedergang der Universität Wien im 20. Jahrhundert». Die Salzburger sind unseriös, verklemmt. Karl Kraus würde sie zwar nicht als «Provinzdeppen» bezeichnet haben (dieser Terminus findet sich nicht in der Fackel), aber immerhin als «Provinzler».

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