Carol

15.12.2015 Walter Gasperi

In seiner für fünf Golden Globes nominierten Patricia-Highsmith-Verfilmung erzählt Todd Haynes von einer lesbischen Liebe im USA der 1950er Jahre, die an der repressiven Gesellschaft zerbricht. – Ein im Stil der großen Melodramen von Douglas Sirk makellos inszeniertes und herausragend gespieltes Melodram über ein langsam erwachendes Begehren, das vor der Öffentlichkeit geheim gehalten werden muss.


Wie sehr gleichgeschlechtliche Liebe im Amerika der 1950er Jahre noch verheimlicht werden musste, macht schon die Geschichte der literarischen Vorlage deutlich. Denn Patricia Highsmith veröffentlichte ihren autobiographisch getönten Roman «The Price of Salt», der erst später den Titel «Carol» erhielt, nicht unter ihrem eigenen Namen, sondern unter dem Pseudonym Claire Morgan. Erst 1984 bekannte sie sich öffentlich zur Autorschaft.

Wie geschaffen scheint dieses Buch für Todd Haynes, der nach dem grandiosen Melodram «Far from Heaven» (2003) und der hochgelobten HBO-Mini-Serie «Mildred Pierce» (2011) erneut vom Streben amerikanischer Frauen nach Unabhängigkeit und Glück in einer repressiven Gesellschaft erzählt.

Schon das erste Bild kann man als Chiffre für diese Gefangenschaft lesen, wenn die Kamera von Ed Lachman lange auf einem Kanaldeckel verweilt, man nur im Off Zuggeräusche hört, bis sich die Kamera erhebt, eine aus dem Bahnhof kommende Menschenmasse erfasst, dann einem der Männer über die Straße zu einem Restaurant folgt. Schon diese fulminante erste Einstellung erweckt mit den Autos, Mänteln und Hüten die frühen 1950er Jahre zum Leben, lässt atmosphärisch dicht in diese Zeit eintauchen.

Auf Super-16mm haben Haynes und Kameramann Lachman «Carol» gedreht, um die Ästhetik damaliger 35mm-Filme zu erzeugen. Leicht grobkörnig sind die Bilder, die Farben strahlen nicht, sondern sind gedämpft, doch passt hier eben jeder Farbtupfer ebenso wie jedes Accessoire.

Retrospektiv erzählt Haynes die Geschichte der Oberschicht-Lady Carol Aird (Cate Blanchett) und der einfachen Verkäuferin Therese Belivet (Rooney Mara). Ihr Gespräch im Restaurant wird der Mann aus dem Zug stören, wird Therese zu einer Party von Journalisten mitnehmen, während Carol zu einer anderen Abendveranstaltung gehen wird.

Wenn Therese im Auto sitzt und aus der verregneten Scheibe blickt, wird sie sich an ihre Beziehung zu Carol erinnern und eine fast den ganzen Film umspannende Rückblende wird einsetzen. Immer wieder werden dabei Haynes und Lachman ihre Protagonistinnen durch verregnete oder verschmierte Fensterscheiben filmen, werden sich Dinge in den Scheiben spiegeln und so die Nähe gebrochen und eine Distanz aufgebaut werden.

Nur über wenige Wochen spannt sich die Handlung, die kurz vor Weihnachten 1952 einsetzt und bei der auch die kalte Winterstimmung mit der rigiden Gesellschaft korrespondiert. Wie der Film mit dem Blick des Mannes auf Carol und Therese im Restaurant einsetzte und wie der Blick von Therese auf die nächtlichen Straßen von New York die Rückblende einleitete, so beginnt auch die Beziehung von Carol und Therese mit einem intensiven Blickkontakt.

Bevor nämlich noch die gut 40-jährige vornehme Dame im Warenhaus zum Tisch der jungen tschechisch stämmigen Verkäuferin kommt, erblickt diese schon die Frau in ihrem eleganten cognacfarbenen Pelzmantel, ihrem roten Seidenschal und Hut. Im intensiven Blick spürt man ihr Interesse und wenn sich Carol an Therese wendet, liegt sogleich ein Knistern in der Luft.

Weder der Altersunterschied noch die gesellschaftliche Kluft sind ein Hindernis für das Begehren, das sich langsam steigert, doch in einer Gesellschaft, in der solche Gefühle nicht mit Worten artikuliert werden dürfen, müssen es mit Blicken und Gesten ausgedrückt werden. Offen bleibt hier, ob Carol zufällig ihre Handschuhe im Warenhaus vergisst, oder absichtlich.

Therese jedenfalls nützt die Gelegenheit, um sie an Carol zu schicken und so erhält sie eine Einladung in das herrschaftliche Landhaus und wird später Carol in ihre bescheidene Wohnung einladen.

Kein Zufall ist es wohl, dass Therese in der Spielwarenabteilung arbeitet und Puppen und Modelleisenbahnen verkauft, denn darin kann man einen Verweis auf eine Gesellschaft sehen, in der die Menschen wie auf Schienen funktionieren müssen, keinen Freiraum haben. Gleichzeitig kann man das aber auch als eine Reverenz an Douglas Sirks «There´s Always Tomorrow» (1956) lesen, in dem ein Spielzeugfabrikant wie seine Produkte in seinem Leben gefangen ist.

Den Eindruck von Gefangenschaft vermittelt auch Carols von mächtigen Steinwänden dominiertes Haus. Gleichzeitig wird darin im Kontrast zur kleinen Stadtwohnung von Therese aber auch das gesellschaftliche Gefälle sichtbar.

Meisterhafte Arbeit haben hier die Kostümbildnerin Sandy Powell und der Setdesigner Heather Loeffler geleistet, denn hier charakterisieren Ausstattung und Kostüme immer auch die Figuren, ohne dass dieser Aspekt freilich forciert wird, sondern sich ganz der Handlung unterordnet.

Nicht ertragen kann Carols Mann Harge (Kyle Chandler), mit dem sie in Scheidung lebt, dass seine Frau eine Beziehung nicht mit einem anderen, sondern einer anderen beginnt, und wird als Carol mit Therese zu einer Fahrt durch die USA aufbricht, im Kampf um das Sorgerecht zu schmutzigen Mitteln greifen.

Viel Zeit lässt sich Haynes in diesem wunderbar kontrollierten Film, dessen Stimmung und Erzähltempo auch großartig von Carter Burwells Musik unterstützt wird, lässt die Emotionen zwar von Anfang an im Innern brodeln, aber die Leidenschaft erst spät durchbrechen. Nur einen kurzen Moment des Glücks gönnt er dem Paar, bis sich Carol entscheiden muss.

Denn die Freiheit der Entscheidung für die lesbische Liebe gibt es hier durchaus, doch die Frage ist eben, welchen Preis man bereit ist, dafür zu zahlen. Während Therese, deren Wandlung von der schüchternen und unsicheren jungen Verkäuferin über die durch die Liebe aufblühende bis zur daran fast zerbrechenden Frau Rooney Mara großartig spielt, dafür wohl bereit wäre, würde die von Cate Blanchett gewohnt souverän gespielte Carol damit wohl den Ausschluss aus der Upper-Society riskieren.

So kehrt «Carol» am Ende nicht nur – jetzt aber mit geänderter Perspektive - zum Treffen der beiden Frauen im Restaurant zurück, sondern lässt auch noch zwei Szenen folgen, um mit einem letzten Blick zu enden, der nun weniger von Begehren als vielmehr von Unterordnung unter die gesellschaftlichen Regeln erzählt – und damit auch von einer Verdrängung der eigenen Identität und somit einem Verzicht auf echtes Glück.

Läuft ab Freitag im Cinema Dornbirn (Deutsche Fassung) und im Kino Rio/TasKino in Feldkirch (auch in OmU)

Trailer zu «Carol»

weiterführende Links:

Carol

weiterführende Links:

Carol

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.