Das Dilemma

06.12.2015 Haimo L. Handl

«Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort», lautet der Titel eines bedeutenden Gedichts von Rilke (1875-1926), das der Dichter dreiundzwanzigjährig 1898 schrieb. Er geht darin auf ein Grundproblem ein, das nicht nur sprachlich ist, das sich in der Sprache aber hörbar ausdrückt: «Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort. / Sie sprechen alles so deutlich aus: /», der Beginn der ersten des dreistrophigen Poems, nennt die vermeintliche Deutlichkeit und Eindeutigkeit als Problem, weil damit eine Verarmung einhergeht, eine Täuschung. «Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott, / Sie wissen alles, was wird und war, /» nennt die Folge der Eindeutigkeit, die vermeintliche Sicherheit des entzauberten Wissens.


Die dritte Strophe sei hier ganz zitiert:

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

1898 wurde Bertolt Brecht (1898-1956) geboren, der im Alter von 36-40 Jahren, nämlich zwischen 1934-1938, eines seiner wichtigsten, gehaltvollsten Gedichte schrieb «An die Nachgeborenen»:

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist.
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!

Der Beginn der zweiten Strophe wurde zum «geflügelten Wort», ging um die Welt, machte nachdenklich. Heute hat es wieder an Aktualität gewonnen, da Kriege die Szenen bestimmen, da der Druck des mörderischen Terrors einem das Wort verschlägt und man sich fragt, wo da noch Platz für den Luxus sei für das «arglose Wort», damit es nicht «töricht» einem aufstößt. Brecht war ein marxistisch orientierter, politischer Dichter. Rilke das Gegenteil. Aber als Dichter begriffen beide das Phänomen der Kunst und des Wortes, das heißt, der Sprache. Was Rilke stärker von der Sprache und dem Sinn, den der Mensch verleiht, sah und erahnte, drückte Brecht dingfester, konkreter aus. Er beleuchtete die lebendige Praxis; die vorletzte Strophe lautet:

Dabei wissen wir doch:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.

Damit war das Dilemma umrissen, das ihn, den aktiven, agitierenden, kämpferischen Autor beschäftigte. Damit war der Widerspruch genannt, der Rilke anrührte, dessen Lyrik in ihrer Zartheit vielleicht einen insistierenderen Blick, ein genaueres Hören verlangte, um die Wahrheit, die er in (seine) Worte fasste, zu verstehen.

Dass beide Sichtweisen, beide Wortwahlen, beide Botschaften, heute wieder überaus aktuell geworden sind, sollte uns alarmieren.

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