Wie auf Erden

08.12.2015 Walter Gasperi

Halleluja! – Endlich meldet sich Kay Pollak mit der Fortsetzung des Sensationserfolgs «Wie im Himmel» zurück. Begeistert dürften aber nur die sein, die sich schon am Vorgänger nicht sattsehen konnten, denn der Schwede hat wieder den Holzhammer ausgepackt anstatt auf Zwischentöne zu setzen.


Zum Sensationserfolg mauserste sich vor zehn Jahren «Wie im Himmel» (Rezension siehe Anhang), in dem Kay Pollak erzählte wie ein ausgebrannter Dirigent in einem schwedischen Dorf einen Chor übernimmt und das gemeinschaftliche Singen die Mitglieder ihre persönlichen Probleme überwinden lässt.

Am Ende starb freilich der Dirigent, doch Lena (Frida Hallgren) ist von ihm nun hochschwanger. Während sie in einem schummrigen Tanzschuppen mit Country Songs eine johlende Menge begeistert, hält der alkoholsüchtige Pfarrer (Niklas Falk) vor zwei Gläubigen, die er zudem noch für ihr Kommen bezahlt hat, eine Messe. Abgesehen davon, dass die Gleichzeitigkeit von Messe und Konzert schwer vorstellbar ist, ist diese Gegenüberstellung auch ziemlich plump, allerdings typisch für Pollaks Inszenierungsweise.

Zudem setzt noch ein hochgradiger Overkill an Hysterie ein, wenn Lenas Fruchtblase, während des Konzerts platzt. Da schaut schnell noch ihr aggressiver Ex-Mann vorbei, der wieder einmal zuschlägt, dann steckt der Wagen im Schnee fest und, als es schließlich doch losgeht, fährt Lenas väterlicher Freund Arne zunächst in Richtung des 180 Kilometer entfernten Krankenhauses, bis er nach lautstarkem Disput mit der Schwangeren umkehrt, um sie nach Hause zu bringen.

Unterwegs lesen sie noch den stockbetrunken auf der Straße liegenden Pfarrer auf – wie kommt der nur mitten in der Nacht dahin? - und müssen zu Hause feststellen, dass die Hebamme aufgrund der Schneefälle nicht rechtzeitig eintreffen wird. So muss der Pfarrer Geburtshilfe leisten, dem Lena dafür später versprechen wird, einen Chor fürs Eröffnungskonzert der in Renovierung befindlichen Kirche auf die Beine zu stellen.

Unmittelbar nach der Geburt kommt freilich auch noch der junge Axel (Jakob Oftebro) vorbei und bringt Lena den Pelzstiefel, den sie in der Hektik vor dem Tanzschuppen verloren hat. – Vorhersehbar ist, dass sich hier über kurz oder lang eine Beziehung entwickeln wird.

Schlag auf Schlag geht es hier, keine Pausen, keine Momente der Ruhe kennt «Wie auf Erden» und jeder Konflikt wird so übersteigert, wird in einem Schreikrampf ausgeführt, dass die Szenen oft (fast) ins Lächerliche kippen.

So taucht auch bald wieder einmal Lenas Ex-Mann auf, um ihr Angst einzujagen, verabschiedet sich dann aber völlig aus dem Film. Dafür findet sich ein neuer fieser, männlicher Gegenpol im Organisten aus der Stadt, der zur Neueröffnung der Kirche, die vom Fernsehen live übertragen werden soll, mit professionellen Musikern das «Halleluja» aus Händels «Messias» aufführen will. Arrogant tritt er auf, demütigt Lena und hat sich, wie aus einem Gespräch hervorgeht, schon früher als ihr Musiklehrer als ausgesprochenes Ekel erwiesen.

Nicht tolerieren will er, dass hier Lena, die von Frida Hallgren mit Lust und Einsatz gespielt wird, mit einem Chor von Dilettanten Händels berühmtes Werk einstudiert. Doch dieser Konflikt verpufft bald, wird nicht zu Ende entwickelt, denn auch der Organist verschwindet so plötzlich, wie er aufgetreten ist, auch wieder aus dem Film.

Wie in «Wie im Himmel» will Pollak somit auch hier wieder dem Durchschnittsbürger Mut machen, will ihm beweisen, dass Leidenschaft für eine Sache und Freude am Singen wichtiger als professionelle Ausbildung sind, dass man mit gemeinschaftlichem Einsatz beinahe alles erreichen kann. Symbolträchtig beginnt folglich der Film im schneereichen und kalten Winter und endet im warmen Sommerlicht.

Hier freilich geht es nicht nur um die Kraft des gemeinsamen Singens, sondern auch um eine Umgestaltung und Erneuerung der Kirche, um ein Aufbrechen von alten und verkrusteten Strukturen. Wie ein neuer Messias lässt Lena, die immer wieder den die Obrigkeit fürchtenden Pfarrer von ihren Ideen überzeugen muss, die Kirchenbänke entfernen und eine Tanzveranstaltung organisieren.

Nicht mehr Strafpredigten und Demütigungen sollen nämlich von der Kirche ausgehen, nicht mehr Schuldgefühle sollen hier den Menschen eingeimpft werden, sondern Lebensfreude, der Glaube an sich selbst und die eigenen Fähigkeiten sollen gefördert werden. Der Erfolg gibt Lena dabei Recht, denn es strömen nicht nur immer mehr Leute in die Kirche, sondern Jesus selbst steigt schließlich vom Kreuz, legt seine Leidensmiene ab und sitzt lächelnd mitten unter den Sängern.

Im grob geschnitzten Drehbuch folgen dabei auf Erfolge freilich immer wieder auch Niederschläge, bald greift der Pfarrer wieder mal zum Alkohol, dann schreitet der Kirchenrat ein und ein Zeitungsbericht über die Vorgänge ruft auch den Bischof auf den Plan. Doch im Handumdrehen erledigen sich solche Probleme.

Auch auf dem Weg zu Lenas privatem Glück muss es freilich einen Knacks geben und nur um schwere Traumata, die sich zufällig im Schicksal einer anderen Figur wiederum spiegeln, zur Sprache zu bringen und dann zu lösen, muss auch noch jemand ertrinken. – Je länger der mit 130 Minuten nicht zu kurze Film dauert, desto fahriger wird die Handlungsführung, bis zu einem Konzert, bei dem von großer Eröffnung und Fernsehübertragung nicht mehr die Rede ist, sondern der Chor nur noch für sich zu singen scheint.

Läuft derzeit in den Kinos (Schweiz ab 24.12.)

Trailer zu «Wie auf Erden»

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Anhang
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